Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2017
Vorwärts, Europa!
Wie die Politologin Ulrike Guérot die EU revolutionieren will
Der Inhalt:

Die Scham überwinden

von Gaby Herzog vom 25.08.2017
Thordis Elva wurde vergewaltigt. Zwanzig Jahre später hat sie gemeinsam mit dem Täter Tom Stranger ein Buch geschrieben – über den schwierigen Weg von Gewalt zur Versöhnung

Als Thordis Elva 16 Jahre alt war, dachte sie, dass Vergewaltiger hässliche Monster sind, die Frauen an einem dunklen Ort auflauern. Der Mann, der ihr im Konferenzraum eines Berliner Hotels gegenübersitzt, ist kein hässliches Monster. Tom Stranger ist braungebrannt, trägt einen gepflegten Vollbart, ist sportlich-attraktiv. Einem wie ihm lächeln die Frauen zu, wenn er an der Ampel steht, geben ihm abends in der Bar bereitwillig ihre Handynummer.

Zugegeben: Das sind seltsame Gedanken, die man als Journalistin schnell irritiert zur Seite schiebt. Gleichzeitig sind sie Teil eines verstörenden Grundgefühls, das bei dieser ungewöhnlichen Begegnung mit zwei Buchautoren mitschwingt.

Vor zwanzig Jahren wurde Thordis von Tom vergewaltigt. Jetzt reist die 37-Jährige mit dem Täter durch Europa. Sie lässt sich mit ihm fotografieren, tritt an seiner Seite im Fernsehen auf – mit dem Mann, der ihr unbeschwertes Teenagerleben zerstörte, der der Grund war, dass sie Drogen nahm und sich die Haut mit einer Rasierklinge aufritzte. Thordis hat Tom zum Co-Autor ihres Buches gemacht. Zwar steht ihr Name in doppelt so großen Lettern auf dem Cover, doch ist es ein Gemeinschaftsprojekt. Wie ungewöhnlich dieses Schreiber-Duo ist, hat wohl auch der Verlag erkannt und den Text sofort in fünf Sprachen übersetzen lassen.

Die Geschichte von Thordis Elva und Tom Stranger beginnt 1996 in Reykjavik. Damals sind die beiden gerade ein Paar geworden. Sie gehen händchenhaltend durch die Schule, knutschen, haben einmal eine romantische Nacht miteinander verbracht. Es ist eine zarte Liebe – bis zum Weihnachtsball. An diesem Abend trinkt Thordis zum ersten Mal Rum. So viel, dass sie zusammenbricht. Als Tom, der attraktive australische Austauschschüler, sie nach Hause bringt und ins Bett legt, fühlt sie sich sicher. Doch dann beginnt er sie auszuziehen. Die junge Frau kann sich nicht bewegen, kann nicht schreien. Während er sie vergewaltigt, starrt sie auf den Wecker und zählt die Sekunden. Es sind 7200, bis er sich anzieht und verschwindet.

Zwei Tage später kommt er noch einmal zurück, um mit ihr Schluss zu machen. Zu dem, was passiert war, sagt er nichts. Und auch Thordis schweigt. Sie geht nicht zur Polizei, zeigt niemandem die blauen Flecken, die hinunter bis zum Knie reichen. Aus Scham, sie fühlt sich schuldig, weil sie getrunken hat, weil ihr Rock kurz war, weil sie ihm »schön

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen