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kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2017
Vorwärts, Europa!
Wie die Politologin Ulrike Guérot die EU revolutionieren will
Der Inhalt:

Die Scham überwinden

Thordis Elva wurde vergewaltigt. Zwanzig Jahre später hat sie gemeinsam mit dem Täter Tom Stranger ein Buch geschrieben – über den schwierigen Weg von Gewalt zur Versöhnung

Als Thordis Elva 16 Jahre alt war, dachte sie, dass Vergewaltiger hässliche Monster sind, die Frauen an einem dunklen Ort auflauern. Der Mann, der ihr im Konferenzraum eines Berliner Hotels gegenübersitzt, ist kein hässliches Monster. Tom Stranger ist braungebrannt, trägt einen gepflegten Vollbart, ist sportlich-attraktiv. Einem wie ihm lächeln die Frauen zu, wenn er an der Ampel steht, geben ihm abends in der Bar bereitwillig ihre Handynummer.

Zugegeben: Das sind seltsame Gedanken, die man als Journalistin schnell irritiert zur Seite schiebt. Gleichzeitig sind sie Teil eines verstörenden Grundgefühls, das bei dieser ungewöhnlichen Begegnung mit zwei Buchautoren mitschwingt.

Vor zwanzig Jahren wurde Thordis von Tom vergewaltigt. Jetzt reist die 37-Jährige mit dem Täter durch Europa. Sie lässt sich mit ihm fotografieren, tritt an seiner Seite im Fernsehen auf – mit dem Mann, der ihr unbeschwertes Teenagerleben zerstörte, der der Grund war, dass sie Drogen nahm und sich die Haut mit einer Rasierklinge aufritzte. Thordis hat Tom zum Co-Autor ihres Buches gemacht. Zwar steht ihr Name in doppelt so großen Lettern auf dem Cover, doch ist es ein Gemeinschaftsprojekt. Wie ungewöhnlich dieses Schreiber-Duo ist, hat wohl auch der Verlag erkannt und den Text sofort in fünf Sprachen übersetzen lassen.

Die Geschichte von Thordis Elva und Tom Stranger beginnt 1996 in Reykjavik. Damals sind die beiden gerade ein Paar geworden. Sie gehen händchenhaltend durch die Schule, knutschen, haben einmal eine romantische Nacht miteinander verbracht. Es ist eine zarte Liebe – bis zum Weihnachtsball. An diesem Abend trinkt Thordis zum ersten Mal Rum. So viel, dass sie zusammenbricht. Als Tom, der attrakti