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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2017
Vorwärts, Europa!
Wie die Politologin Ulrike Guérot die EU revolutionieren will
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Schnitzeltag

Manche Menschen sagen, sie möchten gar nicht hundert Jahre alt werden. Sie fürchten gähnende Langeweile: Ach, ist doch alles schon mal dagewesen. Ich sehe das anders. Die Welt und das Leben sind zu kurios, um sie nicht so lange wie möglich betrachten zu wollen. Das stelle ich zum Beispiel jeden Mittag in unserer Betriebskantine fest. Ein größeres Paradox als Betriebskantinen gibt es im Jahr 2017 überhaupt nicht: Was sind wir alle gesundheitsbewusst, mixen uns daheim Smoothies aus Goji-Beeren, Ingwer und Spinatblättern und lassen ab 17 Uhr alle Kohlehydrate weg. Low-Carb-Spaghetti aus Zucchini, die in dünne Würmer geschnitten werden, sind in meinem Freundeskreis gerade der Renner. Aber mittags um 12.30 Uhr gehe ich mit meinen gesundheitsliebenden Kolleginnen und Kollegen in die Kantine. Dort laden wir uns Gerichte auf hellgraue Krankenhaustabletts, die schon in meinem Geburtsjahr 1978 niemandem geschmeckt haben.

Die Kantine ist eben nicht nur ein Ort, an dem es in Betrieben Essen gibt. Die Kantine ist ein eigener kultureller Raum. Doch, ja, es gibt eine Soße namens »Bratensoße«. Sahne ist Geschmacksträger. Und Champignons kommen aus der Dose. Eigentlich dürfte keiner mehr in eine Kantine gehen. Und doch gehen fast alle, selbst wir kulinarisch aufgeklärten Medienmenschen, die mit Kobe-Rindern und Ibero-Schweinen per Du sind. Um dann nur ein Gesprächsthema zu haben: wie äußerst unlecker es doch heute mal wieder ist. Außer am Donnerstag. Da ist Schnitzeltag. Denn wenn es in der Mittagspause eine Regel gibt, dann die: »Wir reden jetzt aber nicht über die Arbeit.« Wer also keine fremden Sinnkrisengeschichten hören möchte, spricht irgendwann über die Remoulade. Und über die Maultaschen, die von Weitem noch ganz gut aussahen. Der Satz »Schmeckt echt super« ist einfach zu kurz. Was steht denn da heute auf der Menütafel? »Hausgemachter Hackbraten mit Salzkartoffeln und Gemüse, Dessert« (Zusatzstoffe 9, 10, 13, 14, 18, Auflösung im Kleingedruckten). Ein bisschen fühlt sich das an wie Kindheit: »Mama, was gibts heute? Och nööö, igitt, nicht schon wieder …«

Die Choreografie eines traditionellen Kantinenbesuchs ist streng, die Gespräche sind vorgeschrieben. Es gibt eine gewisse Auswahl an Sätzen, die man sagen kann. »Ich glaub, ich hol mir einfach ein Brötchen.« »Ja denken die, wir sind Holzfäller?« »Der Nudelauflauf lacht mich jetzt aber auch nicht so wirklich an.« »Mahlzeit!«

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