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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2016
Schwester Kuh
Was wir den Tieren schulden
Der Inhalt:

Als ob die Welt neu beginnt

von Elke Bunge vom 26.08.2016
Mafiosi, Mörder, Drogenhändler: In Volterra spielen Strafgefangene Theater. Und manche ändern dadurch ihr Leben

Über unseren Köpfen tost der Sturm, unsere Schiffe versenkend. Wer überlebt, zieht in die Schlacht. Raben über den Heeren künden vom Untergang, diese Welt ist am Ende.« Dramatisch klingen die Worte, gesprochen von Tony Waychey, einem jungen Nigerianer. Was sich anhört wie der Bericht von einem Flüchtlingsboot, sind Worte von Shakespeare, der heute auf dem Spielplan des Festivals »Volterrateatro« steht.

Düstere Wolken und gleißende Sonne wechseln sich am Himmel über Volterra ab, düster und bedrohlich auch die Szenerie im Spielraum, dem Innenhof der Medici-Festung. Auch heute noch flößt die mittelalterliche Festung Respekt ein. Scheinwerfer und moderne gläserne Wachtürme zeigen, dass die Festung noch in Betrieb ist: Es handelt sich um das Staatsgefängnis. Die italienischen Sicherheitsbehörden haben hier in Volterra einen Hochsicherheitstrakt für Mafiosi errichtet. Nicht die großen Bosse, sondern die »Soldaten« sitzen hier ein, ebenso Drogendealer oder Bankräuber.

Volterra gilt in Italien als ein eher angenehmes Gefängnis. Wer hierher kommt, hat den größten Teil seiner Haft bereits in anderen Einrichtungen abgesessen. Seit dreißig Jahren beherbergt die Stadt das regelmäßig im heißen Juli stattfindende Festival Volterrateatro und wird dabei zur Bühne vieler Spektakel. Kernstück des Festivals ist die Aufführung der »Compagnia della Fortezza«, der Gefängnis-Theatergruppe. An drei oder vier Nachmittagen dürfen je 500 lang vorher angemeldete und gründlich überprüfte Zuschauer die Mauern passieren und in das Innere des Gefängnisses treten.

Lange Haftstrafen

Auch Tony Waychey ist einer der Häftlingsschauspieler. Der Nigerianer kam mit einem Flüchtlingsboot aus Afrika nach Italien, floh hier aus dem Aufnahmelager, dealte mit Drogen und landete folgerichtig in der Haftanstalt. Ein Schicksal, wie es viele hier vorweisen können. Camorristi aus Neapel, Mafiosi aus Sizilien, Chinesen aus den Triaden oder Häftlinge, die für russische oder ukrainische Gangs unterwegs waren: Sie alle haben lange Haftstrafen bis hin zu lebenslänglich abzusitzen. Und alle vereint hier in der alten Medici-Festung die Möglichkeit, über das Theater Kontakt zu einer anderen Welt, zu einer anderen Kultur zu finden. Und vielleicht auch einen Ausweg aus ihrem kriminellen Vorleben. Gewiss ist dieser Ausweg nicht. Die Gesichter und Körper der Akteure spiegeln ein tief empfund

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