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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2011
Auf Leben und Tod
Streit um die Organspende
Der Inhalt:

»Los, Russland, los!«

von Inna Hartwich vom 23.08.2011
Im »Seliger-Lager«, einem Sommercamp, wird die junge russische Elite politisch und sportlich auf Linie getrimmt

Sie ist eine »Auserwählte«. Mit einem Lächeln auf den Lippen und ganz klaren Vorstellungen, was sie will. Im Leben, im Beruf. Rimma Tuktassynowa ist 22 Jahre alt. Sie studiert Fernsehjournalistik im fernen Sibirien. »Das Leben ist eine Rolltreppe. Ich fahre schnurstracks nach oben.« So steht sie da zwischen Kiefern und Tausenden von Zelten in einem Wald auf halber Strecke zwischen Moskau und St. Petersburg, lässt sich hier triezen und überwachen. Für ihren Traum vom Erfolg.

Zusammen mit 20 000 Jugendlichen aus allen Teilen Russlands und der Welt durchläuft sie das »Seliger-Lager« der russischen Regierung – ein neuntägiges Sommercamp in einem nordwestrussischen Seengebiet, das neben Lagerfeuer-Romantik vor allem streng getaktete Lehrstunden in Sachen Politik und Wirtschaft bedeutet – direkt unter den Konterfeis des russischen Führungsduos Dmitri Medwedew und Wladimir Putin.

Das Leben der Auserwählten ist hart. Rimma hat es längst begriffen. Als Einzige aus ihrer Region hat sie das Aufnahmeverfahren überstanden, die regionale Verwaltung mit ihren Projekten überzeugt. »Mein Sieg.« Ruhe hat sie hier nicht gefunden. Sie hat sie auch nicht gesucht.

Pünktlich um acht Uhr morgens ertönt die russische Hymne. Sie dröhnt aus den Lautsprechern im Wald. Wummernde Bässe folgen. »Los, Russland, los. Noch 15 Minuten bis zur Morgengymnastik …, noch zehn …!« Rimmas Zelt steht am Rande des Lagers, zur Hauptbühne dauert es zehn Minuten. Im Laufschritt. Dort kreist die Animateurin mit den Hüften. Aerobic für die Mädchen, ein 4-Kilometer-Waldlauf für die Jungen. »Ich hasse Sport«, wird Rimma später sagen. Auf einer Plane hinter ihr beschwört ein riesiges Porträt von Premier Putin das »prosperierende Russland, das beste Land der Welt für die talentiertesten, selbstbewusstesten Bürger«.

Seit 2005 versammeln sich Tausende von Jugendlichen im Seliger-Lager, das die kremlnahe Jugendorganisation »Naschi« (Die Unsrigen) gegründet hat. Die Ursprungsidee: junge Menschen nicht nur ideologisch, sondern auch für den Straßenkampf zu stählen. Naschi ist ein polittechnologisches Projekt der Ära Putin, eine raffinierte Kopfgeburt des Staates vor dem Hintergrund der farbigen Revolutionen in der Ukraine und in Georgien. An der Spitze stand damals Wassili Jakemenko, ein schneidiger Mittdreißiger, der einst in der Kreml-Administration aushalf. Ganz neu sind die Lager nicht.

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