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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 16/2011
Auf Leben und Tod
Streit um die Organspende
Der Inhalt:

Das hungrige Biest

von Reinhard Crusius vom 23.08.2011
Warum die Wissenschaft und viele Wirtschaftsjournalisten trotz aller Krisen noch immer den reinen Markt glorifizieren

Dass in der Finanz- und Weltwirtschaftskrise seit 2008 die Politiker versagt haben, ist hinreichend beschrieben. Immerhin hat der ehemalige britische Premier Gordon Brown das jüngst in schöner Offenheit zugegeben: »Wir wussten von nichts.«

Leider sind die Politiker nicht die Einzigen, die durch die Finanzkrise als »Nichtwisser« entlarvt wurden. Zu dieser Spezies gehören auch die, die es hätten besser wissen müssen: fast alle Wirtschaftswissenschaftler an den Hochschulen und fast alle Wirtschaftsjournalisten. Doch von ihnen haben bisher nur die wenigsten ihre Verantwortung eingeräumt, und noch weniger haben aus ihrem Versagen gelernt.

Arrogante Wissenschaft. In der Wirtschaftswissenschaft flammte nach dem Desaster von 2008 kurz eine Debatte auf. Am 27. April 2009 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Aufruf von 83 Professoren für Volkswirtschaftslehre unter dem Titel: »Rettet die Wirtschaftspolitik an den deutschen Universitäten«. Es war ein Hoffnungsschimmer, enthielt dieser Text doch ein gewisses Maß an Selbstkritik. Doch die Gegenseite reagierte prompt. Am 4. Mai 2009 diffamierten führende Wirtschaftswissenschaftler die (Selbst-)Kritiker als »provinziell« und »von gestern«. Diese Reaktion illustrierte die lange bekannte Krisenresistenz vieler etablierter Vertreter der Wirtschaftswissenschaft.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Wirtschaftswissenschaft zu einer mathematisch virtuosen Formelwissenschaft gemacht, die sich ziemlich von der Wirklichkeit entfernte. Die Abwehr jedes Anfluges sozialwissenschaftlichen Denkens zugunsten mathematischer Formeln sorgt dafür, dass die grundlegenden Herausforderungen der Gegenwart – das Verhältnis von Markt und Staat, soziale Gerechtigkeit, ökologisches Wirtschaften – nicht angegangen werden, weil sie sich nicht so einfach in mathematische Formeln pressen lassen. Hinter diesen Formeln setzte sich eine marktradikale Wirtschaftstheorie durch, die sich auf eine einfache Aussage reduzieren lässt: Markt und Privatisierung sind gut, Staat ist schlecht. Dieses Mantra bestimmte in den letzten dreißig Jahren die westliche Wirtschaftspolitik und die Politik von Weltbank und Internationalem Währungsfonds gegenüber der Dritten Welt.

Selbstredend verzichtet diese praxisferne Wirtsch

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