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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2018
Himmlische Klänge
Musik als spirituelle Kraft der Religionen
Der Inhalt:

Zeugin für das Verlorene

von Anne Strotmann vom 10.08.2018
Die US-Autorin Joan Didion ist schon zu Lebzeiten ein Mythos – dank ihres scharfen Blicks auf ihr Land und auf sich selbst

Joan Didion gilt als eine der großen Intellektuellen der USA; die Fotos von ihr mit Sonnenbrille, Zigarette und Drink in der Hand sind zweifelsohne ikonisch. Man wollte ihr Gesicht sogar auf Dollarscheine drucken. Als Barack Obama der 1943 geborenen Autorin die »Medal of Arts and Humanities« verlieh, gingen auch diese Bilder ins kollektive Gedächtnis ein: Neben dem vitalen, strahlenden Präsidenten steht da eine dürre, alte Frau mit ernstem Blick, die Mühe zu haben scheint, eigenständig zu gehen. Unter dem Titel »Süden und Westen« sind jetzt bei Ullstein vierzig Jahre alte Notizen von Joan Didion veröffentlicht worden. So etwas geschieht den meisten Autoren nur posthum. Didion, die seit über fünfzig Jahren ihr Land analysiert, skizziert die Stimmung vor allem im Süden der USA so genau, dass Rezensenten meinen, sie habe in diesen Aufzeichnungen das Trump’sche Amerika vorausgesehen.

Schon mit fünf Jahren begann Joan Didion, ihr später berühmt gewordenes Notizbuch zu führen. 1966 schrieb sie darüber: »Besitzer von Notizbüchern gehören zu einem anderen Menschenschlag, sie sind einsam und widerborstig und müssen die Dinge ständig neu sortieren, sie sind ängstlich und unzufrieden, Kinder, die anscheinend schon bei ihrer Geburt eine Vorahnung von Verlust befallen hat.« Verlust, Zerfall, die Gewissheit, dass »die Mitte nicht halten wird«, das ist der Unterton in Didions Texten. »Die Mitte wird nicht halten« heißt auch der Film, den ihr Neffe Griffin Dunne über sie für Netflix gedreht hat.

Schon als sie 1967 nach San Francisco fuhr, sah sie dort, wo andere Blumenkinder und Freiheit sahen, die Gesellschaft in Atome zerfallen. In ihrer Reportage beschrieb sie einsame, orientierungslose Jugendliche, vernachlässigte Babys und kleine Kinder auf LSD. »Die Stunde der Bestie« machte Joan Didion zur Sozialkritikerin Amerikas. Doch genauso scharf wie die Gesellschaft beobachtet sie auch sich selbst. Dass sie das eine vom anderen nicht trennt, macht ihre Texte so ehrlich. Dabei gibt sie offen zu, dass ihr Schreiben im Grunde egoistisch sei: Es rette sie selbst davor, jeden Halt in der Welt zu verlieren und sich aufzulösen.

Als ihr Mann John Gregory Dunne starb, schrieb sie in »Das Jahr magischen Denkens« über ihre Trauer. Wie sie seine Kleidung nicht wegwerfen kann, denn: »Er würde Schuhe brauchen, wenn er zurückkam.« Noch während Didion »Das Jahr magischen

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