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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 15/2017
Was ist eine christliche Ehe?
Ein evangelisch-katholischer Disput
Der Inhalt:

No religion, please!

von Linda Woodhead vom 11.08.2017
Wie die Kirche von England ihr Volk verlor – und Großbritannien die christlichen Werte verinnerlicht

Ein halbes Jahrtausend lang hat die anglikanische Kirche die englische Kultur und die englische Identität zentral geprägt. Doch ihr Einfluss schwindet, die anglikanische Kirche ist gefangen in einer Abwärtsspirale. Lediglich ein Prozent ihrer Mitglieder besucht noch regelmäßig den Gottesdienst. Rund sechzig Prozent der jüngeren Menschen gehören keiner Kirche an. Sie sagen: No religion! Das Band zwischen der Kirche und den Menschen ist aufs Äußerste gespannt, oft schon gerissen. Rätselhaft bleibt, wie dies einer reichen, mächtigen und in der Verfassung verankerten Kirche widerfahren konnte. Wieso sind beispielsweise die Schwesterkirchen in Skandinavien, die alten protestantischen Nationalkirchen, von dieser Entwicklung verschont geblieben? In Dänemark etwa zahlen drei Viertel der (erwachsenen) Bevölkerung eine freiwillige jährliche Kirchensteuer, die vom Staat eingezogen wird. Zwei Drittel aller Kinder werden getauft. Bei mehr als achtzig Prozent aller Bestattungen steht ein christlicher Seelsorger am Grab.

In England dagegen bezeichnen sich weniger als ein Drittel der Bürger – vorwiegend die Älteren – als Anglikaner, obwohl es keine Kirchensteuer gibt. Nur noch eins von zehn Kindern wird getauft. Lediglich ein Drittel aller Bestattungen findet im kirchlichen Ritus statt. Während die anglikanische Kirche enge Verbindungen zum Staat und zu den Führungsschichten pflegt – etwa durch Kontakte zu Eliteschulen, Universitäten, zum Parlament, zur Justiz usw. –, scheint sie den Kontakt zum Volk verloren zu haben. Dieser Wandel hat sich nicht über Nacht vollzogen. Schon seit gut einem Jahrhundert verfallen die denkmalgeschützten Kirchen Großbritanniens. Doch die Phase, in der dieser Niedergang besonders drastisch voranschritt, fällt in die 1980er-Jahre. Seit dieser Zeit schrumpft die anglikanische Kirche jedes Jahr um etwa ein Prozent. Entscheidender als die Austritte ist jedoch die Tatsache, dass junge Menschen ihren Eltern nicht mehr in die Kirche folgten.

Gleichzeitig bezeichnen sich nur sehr wenige Engländer selbst als »säkular« oder »humanistisch«. Den entsprechenden Vereinigungen geht es nur geringfügig besser als den Kirchen. Der Atheismus ist keineswegs die Mehrheitsposition, selbst unter jenen nicht, die sagen, dass sie keine Religion haben. Dass ihre Zahl gestiegen ist, darf man also nicht als Beleg für eine zunehmende Säkularisierung werten. Vielmehr sind die E

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