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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2019
Homosexualität und Kirche
Wo ist das Problem?
Der Inhalt:

Aufgefallen: Der Mitleidende

von Thomas Seiterich vom 26.07.2019
Sebastião Salgado erhält als erster Fotograf den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Der 75-Jährige betrachtet die Welt aus biblischer Perspektive

Wenn der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado etwas anpackt, wird häufig eine Riesenaktion daraus. Sein fotografisches Langzeitwerk »Genesis« über die unberührten Regionen unserer Erde ist monumental geraten – mit Schwarz-Weiß-Bildern von bestechender Schönheit. In der Bibel bildet der Mensch den Abschluss von Gottes Schöpfung, die übrige Natur den Beginn. Bei Salgado ist es anders herum: In seinem Fotografenleben interessierte er sich lange Zeit nur für den Menschen. Doch mit »Genesis«, einem einzigartigen Bildband, hat er sich 2004 dem Beginn der Schöpfungsgeschichte zugewandt.

Salgado wuchs auf der abgelegenen Rinderfarm Bulçao im Regenwald Brasiliens auf. Gegen die Militärdiktatur leistete er Widerstand, gemeinsam mit seiner Frau Lélia. Deshalb musste das Paar nach Paris fliehen. Sie haben zwei Kinder, Juliano, 1974, und Rodrigo, 1981, der mit dem Downsyndrom geboren wurde. Die Armut der Landarbeiter und ihrer Familien auf der elterlichen Fazenda hat Salgado früh nachhaltig beeindruckt.

Zu fotografieren begann der Autodidakt, der Wirtschaft studiert hatte, spät – 1973, in Afrika. Er lieh sich die Leica seiner Frau. Als er in den 1980er-Jahren als Fotograf etabliert war, konzentrierte er sich auf die Ausgebeuteten. Er erarbeitete für Ärzte ohne Grenzen zwei Fotobände, er bildete die Hungersnot im Sahel ab. Berühmt wurde er 1986 mit der Fotoreportage über die brasilianische Goldmine Serra Pelada, in der die Schürfer unter elendesten Bedingungen arbeiteten. Das stille Sterben der alten Handarbeit und die Härte, unter der die Sklaven moderner Produktionsweisen schuften, dokumentierte Salgado 1993 im ersten Langzeitprojekt »Workers«.

Seither begleitet ihn die Kunstkritik, wie sie zuerst im US-Magazin New Yorker formuliert wurde: Er ästhetisiere die Tragödie, vermenge Dokumentation und Pathos. – Dagegen steht Salgados Leben: Er sah enorm viel Elend mit eigenen Augen. Oft hielt er sich an Brennpunkten des Schreckens monatelang auf, um die Lage tief zu verstehen. 2004, nachdem er Augenzeuge des Völkermords in Ruanda wurde, bekam er die Traumata und seelischen Blessuren, die er von Reisen mit nach Hause brachte, nicht mehr in den Griff. Er sei durch Mitleiden krank geworden, erkannte er. Deshalb zog er sich mit seiner Frau auf die Bulçao-Farm seiner Kindheit zurück. Doch dort waren

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