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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2018
Geborgen und unbehaust
Was Religion über Heimat sagt
Der Inhalt:

Wenn das Einhorn Schicksale bestimmt

von Benjamin Brown vom 27.07.2018
Knapp neun Monate sind es noch bis zum Austritt Großbritanniens aus der EU. Während die Brexit-Hardliner in London das Kabinett verlassen, suchen britische Bürgerinnen und Bürger nach Wegen, weiterhin Teil Europas zu sein

Es waren stürmische Tage für die britische Premierministerin Theresa May, als vorvergangene Woche erst Brexit-Minister David Davis zurücktrat und dann auch noch Außenminister Boris Johnson. Beide galten als Brexit-Hardliner im Kabinett. Der Kurs von May war ihnen zu nachgiebig, zu weich. Noch immer ist völlig unklar, wie die Beziehungen Großbritanniens zur EU aussehen werden, wenn das Land aus der europäischen Staatengemeinschaft ausgetreten sein wird. Der Countdown läuft: Am 29. März 2019 soll es so weit sein.

Das Land ist zerrissen: Zehntausende demonstrierten Ende Juni vor dem Parlament in Westminster gegen den Ausstieg aus der EU. Die Veranstalter sprachen gar von Hunderttausenden – es war der größte Marsch der Remain-Bewegung seit 2016. Während in London und Brüssel Politiker über die Austrittsformalitäten diskutieren, wollen viele Briten nicht länger mit der Ungewissheit leben. Nach wie vor ist offen, welche Rechte sie nach dem Brexit in den EU-Ländern haben werden – und wie es jenen EU-Bürgern ergeht, die »auf der Insel« leben.

Eine von ihnen ist die 22-jährige Giulia Willems*. Als ihre Mutter sie am Morgen des 24. Juni 2016 weckte und ihr erzählte, dass sich der Großteil der Menschen in ihrem Heimatland für den Brexit entschieden hatte, glaubte Giulia ihr zuerst nicht. Ein panischer Blick auf ihr Handy zeigte aber: Ihre Mutter hatte recht. Großbritannien würde aus der EU austreten. Zwei Jahre später ist diese Entscheidung mehr denn je zu spüren. Mit dem Votum der Briten kamen in Europa wieder Fragen nach nationaler Identität und Staatsangehörigkeit auf – ein Run auf Pässe begann. Giulia Willems ist Teil dieses Trends zum Zweitpass. Ihre Eltern kommen aus Belgien, die Geografie-Studentin wurde in England geboren. Einen britischen Pass, auf dem Löwe und Einhorn prangen, hatte sie aber nie, dazu sah sie keine Notwendigkeit. »Als EU-Bürgerin war es mir vollkommen egal, ob ich Belgierin oder Britin war. Das war kein Unterschied.« Plötzlich spielt aber genau diese Frage eine wichtige Rolle. Als Studentin in England wollte sie sichergehen, dass wenigstens bei ihr persönlich alles beim Alten bleiben würde. Sie wollte ihre Zukunft – die sie fest in England geplant hatte – nicht gefährden oder verkomplizieren. Belgien oder Großbritannien? Die 22-Jährige fand keine Antwort. Das musste sie letztendlich auch nicht: Sie beantragte die doppelte Staatsbürgerschaft, für

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