Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2017
Wie viel Religion verträgt die Kunst?
Eine Spurensuche auf der documenta
Der Inhalt:

»Jetzt erst recht«

von Bettina Röder vom 21.07.2017
Sozialprotokoll: Fabian Krause (24) ist in Jena Student. Bei den friedlichen Demonstrationen in Hamburg war er dabei. Das hat ihn verändert

Mit der Hoffnung, dass eine bessere Welt eines Tages Wirklichkeit wird, bin ich nach Hamburg gefahren. Ich wollte friedlich ein Zeichen setzen. Nein sagen. »Nein, so geht das doch nicht.« Denn für mich steht das Treffen für ein »Weiter so«: dass Menschen im Mittelmeer ertrinken, weltweit der Hunger grassiert, Kriege angeheizt werden. Den reichen Ländern des Nordens steht der arme Süden entgegen. Auch hier wächst die Armut. Das finde ich sehr schlimm. Jetzt erst recht engagieren, denke ich dann. Ich gebe nicht auf, ich mache weiter. Auch und erst recht nach den Erlebnissen in Hamburg.

Mit Freunden bin ich aus Jena, wo ich seit Oktober Soziologie studiere, im Zug dorthin gefahren. Fünfzehn Stunden insgesamt waren wir unterwegs.

In Hamburg habe ich mich an den friedlichen Protesten beteiligt, die Orte, wo etwas stattfindet, im Internet über soziale Bewegungen gefunden. Bei der Demonstration am Samstag mit 76 000 Teilnehmern war ich dabei. Es war echt genial, dass da so viele Menschen waren. Ich habe mich aber auch an Aktionen des zivilen Ungehorsams beteiligt. Wir haben uns auf die Zufahrtsstraßen zum G20-Gipfel gesetzt. So etwa hundert Leute, sehr wenige waren vermummt. Das war am Freitagmorgen gegen zehn Uhr. Wir wollten öffentlich zeigen, dass wir mit dem Treffen so nicht einverstanden sind. Die Polizei wollte die Straße freikriegen, das war uns auch klar.

Nicht gerechnet hatten wir mit so einem brutalen Einsatz. Zwei Wasserwerfer fuhren ran, das war für mich erschreckend. Einige Demonstranten sind weggelaufen. Ich bin geblieben und war völlig durchnässt. Etwa zehn Minuten haben wir standgehalten, dann kam die Polizei von allen Seiten angestürmt, hat Leute weggezogen. Sie hat aber auch an Schmerzpunkten des Körpers gedrückt: an der Schulter, unterhalb des Kopfes, am Hals. Überall dort, wo es Nervenpunkte gibt, die sehr wehtun. Die Leute sollten dann zur Seite getrieben werden, auf den Bürgersteig. Wir standen aber eingekesselt, alles war voller Menschen und Polizei, es war gar kein Weg mehr da. Der Polizist hinter mir hat mehrfach gegen mein Bein getreten, ich habe bis heute dort eine Verletzung.

Weh tut aber vor allem diese Erniedrigung. Ich möchte öffentlich Protest äußern. Von dem geringen Raum, der mir für diesen Protest bleibt, werde ich mit Gewalt weggedrängt. Diese Erfahrung habe ich so noch nie vorher gemacht: von so einer

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen