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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2016
CETA, TTIP und TISA stoppen! Fairhandel statt Freihandel
Der Inhalt:

Spiritprotokoll: »Es ist gut loszugehen!«

von Andrea Teupke vom 22.07.2016
Der Jakobsweg ist wie das Leben, sagt Christiane Boeck. Sie ist ihn komplett gelaufen – vom Bodensee bis Santiago de Compostela

Ich denke da oft dran. Jeden Tag! Das ist wie ein verborgener Schatz in mir: dieses wunderbare Draußensein. Die Gerüche, Vogelstimmen, Pflanzen. Weitblicke auf die Alpen, auf die Pyrenäen, auf das Meer. An einem der letzten Tage, vor Finisterre, bin ich 47 Kilometer gegangen, nur um noch das Meer zu sehen, und ich habe dabei keine Müdigkeit gespürt. Dieses wunderbare Naturschauspiel jeden Tag! Wärme, Kälte, Sonne, Regen. Und dazu richtig Appetit haben. Ich habe immer alles aufgegessen, und danach bin ich müde ins Bett gefallen.

Der Jakobsweg bedeutet für mich auch Begegnung – viele wunderbare Begegnungen. Manchmal führten die unglaublich schnell in die Tiefe. Das sind aber auch die vielen Kirchen am Weg. Ich habe oft Kerzen angezündet für meine Freunde, die krank sind, aber ich würde nie sagen, dass ich »für sie gepilgert« bin.

Ein besonderes Anliegen hatte ich nicht. Ich bin 56 Jahre alt, habe immer mit einer vollen Stelle als Lehrerin gearbeitet, seit 21 Jahren habe ich nie länger Pause gemacht, und jetzt ziehe ich in eine andere Stadt. Diesen Übergang wollte ich bewusst gestalten. Ich bin ein Bewegungsmensch und kann gut denken, wenn ich mich bewege. Den ganzen Tag zu meditieren wäre nichts für mich. Ich habe das gar nicht groß geplant, auch nicht viel gelesen, nur zwei Reiseführer gekauft und dann beschlossen, dass ich das mache.

Mir war klar, dass ich da losgehe, wo ich zu Hause bin: am Bodensee. Und dass ich ganz bis nach Santiago gehe, zu Fuß. Ich hatte keine besonderen Erwartungen – nur die Gelassenheit, dass der Weg beim Gehen entsteht. Was ich mit Sorgfalt gemacht habe, war, gute Schuhe auszusuchen und passende Socken. Das hat sich bewährt. Ich hatte nie Blasen und musste nicht wie viele andere Pilger täglich gegen Schmerzen ankämpfen.

Von einer Freundin habe ich eine Jakobsmuschel geschenkt bekommen, und dann bin ich losgezogen, an einem Samstagmittag. Ich war sehr aufgeregt! Und gleichzeitig hatte ich da schon das Gefühl: Eigentlich kann dir nichts passieren. Das hat sich auch bestätigt auf diesen 2500 Kilometern: Es ist gut, einfach loszulaufen.

Ich kann gut damit leben, wenn ich um fünf Uhr nachmittags noch nicht weiß, wo ich nachts schlafe. Ich habe mich zwar öfters verlaufen, aber ich bin nie nachts im Wald gestrandet. Ich bin auch nie bedroht oder beklaut worden, es gab einfach keinen Grund, Angst

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