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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2016
CETA, TTIP und TISA stoppen! Fairhandel statt Freihandel
Der Inhalt:

Leben unter verhangenem Himmel

von Verena Boos vom 22.07.2016
Ausgezeichnet: Die französische Zeichnerin Sandrine Revel hat den Pianisten Glenn Gould porträtiert

Der blutrote Hintergrund dräut wie ein böses Omen, als Glenn Gould die Goldberg-Variationen von Bach einspielt: Sandrine Revels Graphic Novel eröffnet mit dem Schlaganfall des Pianisten kurz nach jener legendären Aufnahme von 1981. In Rückblenden erkundet diese Biografie in Bildern das Dasein, das In-der-Welt-Sein des exzentrischen Künstlers. Seit Kurzem liegt »Glenn Gould – Leben Off-Beat« in einer geschmeidigen Übersetzung von Anja Kootz auch auf Deutsch vor.

Revel lotet Goulds Schaffen aus, seine Ansprüche an Ton und Anschlag. Sie zeigt die typisch niedrige Sitzposition, das losgelöste Spiel seiner Hände, das Gesumme, Goulds Begeisterung für Tontechnik. In nostalgisch-verträumten Panels in gedeckten Farben zeichnet sie die vielfältigen Facetten seiner Persönlichkeit. Gleichzeitig dekonstruiert sie in cleveren Montagen den medialen Hype um den Ausnahmepianisten, der umso berühmter wurde, als er auf dem Höhepunkt seiner Karriere dem Konzertbetrieb abschwor.

Diese Hommage, 2016 in Frankreich mit dem renommierten Prix Artemisia ausgezeichnet, ist von leisem Humor getragen und bringt in jeder Vignette die Zuneigung der Zeichnerin zum Ausdruck. Revel, die selbst sehr gut Klavier spielt, wandelt Musik in Bilder um und nimmt mit ihrer grafischen Orchestrierung Bezug auf musikalische Techniken wie Kontrapunkt, Fuge und Variation. Es ist ein Buch über einen Musiker, über Musik – und über die Stille. Als Kind entschied sich Sandrine Revel instinktiv für das Schweigen in einer lärmenden Welt, sagt sie über sich selbst. Ihr Blick stellt Vertrautes infrage, wenn sich etwa eine Vinylplatte von Bild zu Bild in eine winterlich nasse Straße verwandelt oder eine bergige Winterlandschaft zu den winterlichen Konturen von Goulds Krankenlager wird.

Revel malt traumhafte Wolkenhimmel. Zudem gibt die gut sichtbare Faserstruktur des Aquarellpapiers der Story eine besondere Textur. Die letzten Bilder einer nordisch wolkenverhangenen Schneelandschaft verweisen auf den Anfang zurück und verabschieden sich einfühlsam von Gould, dem Frühvollendeten und ewig Fröstelnden.

Die letzte Episode vor dem Hirnschlag zeigt Goulds Erinnerung an ein Gespräch mit Kindern, die ihn nach dem Geheimnis seines Klavierspiels fragen. Seine Antwort: Man frage doch auch keinen Tausendfüßler, welchen Fuß er als Erstes hebe.

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