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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2017
Wem gehört die Welt?
Einblicke in die Machtverhältnisse des globalen Kapitalismus
Der Inhalt:

»Keine Moralkeule schwingen«

von Britta Baas vom 07.07.2017
Cybersex empfindet mancher als Provokation – auch für den kirchlichen Normenkatalog. Ein Gespräch mit der Theologin Theresia Heimerl

Publik-Forum: Frau Heimerl, im Internet scheint die Flut erotischer Bilder unbegrenzt zu sein. Hat das Rückwirkungen auf die Beziehungsfähigkeit von Menschen?

Theresia Heimerl: Ich denke nicht. Nur Kulturpessimisten fürchten, dass die Beziehungsfähigkeit abnimmt. Aber die Möglichkeit, Cybersex zu erleben, bringt einfach neue Facetten in das Selbstverständnis von Beziehungen.

Was ist denn theologisch der entscheidende Unterschied zwischen Sex und Cybersex?

Heimerl: Wenn ich streng katholisch antworte, mit dem Katechismus in der Hand, dann sind Sex und Cybersex nur legitim, wenn zwei verschiedengeschlechtliche, kirchlich miteinander verheiratete Menschen ihn miteinander machen. Zu 99,9 Prozent kann man davon ausgehen, dass diese Situation beim Cybersex nicht gegeben ist. Theologisch ist Cybersex unter dem Gesichtspunkt interessant, über die Abwesenheit direkter Körperlichkeit nachzudenken.

Diese Abwesenheit ist ein Problem?

Heimerl: Nein, kein Problem! Aber ein Unterschied zwischen Sex und Cybersex. Es ist eine grundlegend andere Qualität. Man müsste weiterfragen: Was macht die Gegenwart einer digitalen Welt überhaupt mit unserem Verständnis von Körperlichkeit? Körperlichkeit ist mehr als Materialität, das war schon früher so, aber noch mehr ist es jetzt so, seit wir uns in digitalen Welten bewegen. Wir reagieren körperlich auf Handlungen, die wir virtuell vollziehen. Wir schwitzen, spüren Erregung. Man kann daran sehen: Sex und Cybersex sind nicht streng zu trennen. Weil die Reaktionen auf virtuellen Sex real sind.

Also muss Cybersex in den Normalbetrieb theologischen Denkens integriert werden?

Heimerl: Ja, auf jeden Fall! Es ist nötig, sich davon zu verabschieden, nach den alten Denkmustern kirchlicher Lehre zu verfahren, davon auszugehen, es gebe »richtigen« Sex – und daneben Variationen von Abarten, die die Welt untergehen lassen. Man muss die kulturellen Entwicklungen ernst nehmen und sich damit auseinandersetzen. Ohne gleich die Moralkeule zu schwingen oder dem Kulturpessimismus zu frönen.

Es wäre ja auch möglich, nicht nur Abwehrgefechte in die Vergangenheit kirchlicher Lehre hinein zu führen, sondern nach vorn zu denken. Zum Beispiel so: Ver

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