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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 13/2017
Wem gehört die Welt?
Einblicke in die Machtverhältnisse des globalen Kapitalismus
Der Inhalt:

»In der Politik beißt man auf Granit«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 07.07.2017
Nicola Steller ist Pressesprecherin – und wird zur Flüchtlingsaktivistin. Damit bekommt ihr Bild von Deutschland Risse

Ich bin da so reingerutscht«, erzählt Nicola Steller, eine zierliche Frau mit braunen Locken. Mit Geflüchteten hatte sie bis vor drei Jahren kaum etwas zu tun. Die 52-Jährige ist selbstständig, als Pressesprecherin wirbt sie für Tanzprojekte, Theater und Comedy. Ende 2014 begann sie, für den Verein Zuflucht Kultur, der auch geflüchtete Künstler engagiert, Pressearbeit zu machen. So fing alles an.

Nicola Steller war nie unpolitisch, ihr Mann sitzt für die Grünen im Stadtrat von Ditzingen, einer Kleinstadt bei Stuttgart. »Aber die Auswirkungen von Politik habe ich nie so hautnah miterlebt wie in den letzten Monaten«, sagt sie. In denen ist Steller zu einer Expertin für Ausländerrecht und Abschiebepolitik geworden. Denn einer der Künstler des Vereins Zuflucht Kultur ist Ahmad Pouya, ein Musiker aus Afghanistan. Und so kommt es, dass es in Stellers Leben nicht mehr nur das ihr vertraute Ditzingen gibt, wo sie verwurzelt ist (»Unsere Kinder sind die fünfte Generation, die in meinem Elternhaus aufwächst«), sondern auch das ferne Kabul. Da kommt Pouya her.

Vieles, was sie mit ihm und dem deutsche Staat erlebt, kann Steller nicht verstehen. Zum Beispiel, dass dem jungen Afghanen eine Arbeitsstelle bei der IG Metall angeboten wird, er sie aber nicht annehmen darf, weil er nur geduldet ist. »Warum zahlt der Staat lieber Geld, als ihn sein eigenes verdienen zu lassen?«, fragt sich Steller. Oder die Geschichte mit der Hochzeit. In Deutschland hat Pouya nach muslimischem Ritus geheiratet – standesamtlich bleibt es ihm verwehrt, weil die Ausländerbehörde in Augsburg seinen dort hinterlegten Pass nicht finden kann. Als er wenige Monate später abgeschoben werden soll, ist der Pass plötzlich wieder da. Und Kabul ist auf einmal auch für Steller ganz nah. »Deutschland schiebt die Braven ab«, empört sie sich, »die, die sich registrieren lassen, die einen Pass haben, deren Adresse bekannt ist – die alles dafür tun, um hier anzukommen. Das ist ein Unding!«

Sie atmet tief durch, lässt die letzten Monate Revue passieren, diesen Strudel aus Paragrafen, Härtefallkommissionen und behördlicher Willkür. Als Pressesprecherin setzt sie alle Hebel in Bewegung, damit Pouya nicht zurückmuss. Sie schreibt eine Pressemeldung nach der anderen, koordiniert Treffen mit Journalisten, trifft sich mit der Grünen-Politikeri

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