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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2020
Mission impossible
Kolonialismus und Rassismus in christlichem Gewand
Der Inhalt:

Fallhöhe

vom 12.06.2020
Kolumne Von Fabian Vogt:

Manchmal können zwei Worte ein Leben verändern. Zum Beispiel, als ich im Januar meinem pubertierenden Sohn vor seinem Geburtstag sagte: »Dieses Jahr darfst du dir was wünschen!«, und er strahlend antwortete: »Ich würde gerne mal mit dem Fallschirm springen.« Dann kamen die beiden Laute, die sich als ein Wendepunkt meines Daseins entpuppten: »Mit dir!«

Was? Mit mir? In 3000 Metern Höhe aus einem Flugzeug hüpfen? Ich mit meiner Höhenangst, der ich schon auf einer gewöhnlichen Haushaltsleiter ab der zweiten Stufe das widerliche Gefühl habe, bösartige Kräfte würden mich in den Abgrund zerren? Das war doch bestimmt nur ein Scherz, oder? »Nein!«, sagte mein Sohn, »ich fände das total toll, wenn wir gemeinsam einen Fallschirmsprung machen würden. So als Vater-Sohn-Erlebnis! Du hast doch keine Angst, oder?«

Als Angsthase den Absprung wagen

Na toll! Während der Bedenkzeit, die ich mir erbeten hatte (»Nur, um nach Terminen zu schauen«), grinsten auch noch von vielen Werbeplakaten des Rhein-Main-Gebietes Gesichter herab, die mir die Frage stellten: »Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?« War es vielleicht wirklich Zeit, mal etwas Neues zu wagen? Schließlich durfte ich mich wohl kaum vor meinem Sohn als Angsthase outen. Wider besseres Wissen verkündete ich: »Ich mach’s!«

Eine Woche später saßen mein Sohn und ich mit zehn anderen Bekloppten in einem Flugzeug, das sich langsam, aber unaufhaltsam in die Höhe schraubte. Und während ich krampfhaft versuchte, meinem Sohn zuzugrinsen, brach plötzlich der Theologe in mir hervor. Eine innere Stimme fragte mich leise: »Hat nicht der Teufel zu Jesus in der Wüste gesagt: ›Stürze dich in die Tiefe, dann werden wir ja sehen, ob Gott dich bewahrt.‹ Und Jesus hat geantwortet: ›Du sollst Gott nicht versuchen.‹«

War ich gerade dabei, Gott herauszufordern? Würde es mir nicht recht geschehen, wenn sich der Fallschirm bei mir nicht öffnete? Doch mein Vertrauen siegte – und plötzlich durchzog mich eine stoische Ruhe: »Was immer auch passiert: Ich bin in Gottes Hand. So oder so!«

Statistisch, das hatte ich vorher natürlich recherchiert, ist die Autofahrt zum Flugplatz wesentlich riskanter als der Fallschirmsprung selbst. Und bei rund 260 000 Sprüngen pro Jahr in Deutschland sind zuletzt nur zwei Leute verunglückt.

War

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