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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2020
Mission impossible
Kolonialismus und Rassismus in christlichem Gewand
Der Inhalt:

»Es tut gut, andere satt zu machen«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 12.06.2020
Im Döner-Imbiss von Mehmet Yildirim in Koblenz bekommen Obdachlose jeden Donnerstagabend ein Gratis-Essen
(Foto: Rheinheimer-Chabbi)
(Foto: Rheinheimer-Chabbi)

Ich betreibe zusammen mit meinem Bruder einen Döner-Laden. Vor drei Jahren habe ich gesehen, wie ein Obdachloser in einem Mülleimer vor unserer Tür gewühlt hat. Ich habe ihn hereingebeten und ihm einen Döner serviert. So fing es an. Jetzt hängt bei uns ein Schild am Laden: Jeden Donnerstag zwischen 18 und 21 Uhr bekommen bedürftige Menschen einen Döner oder eine Pizza. Natürlich kostenlos. Sie dürfen sich auf der Karte aussuchen, was sie wollen. Das gilt auch jetzt in Corona-Zeiten. In den vergangenen Wochen durfte sich zwar keiner reinsetzen, aber unser Verkauf lief weiter. Wir haben die Döner halt einfach zur Straße rausgereicht.

Als wir 1991 als Flüchtlinge aus der Türkei hierherkamen, hatten wir selbst nichts. Mein Bruder und ich wissen, wie es ist, mit Hunger einzuschlafen. Denn in dem Asylheim in Ingelheim, wo wir waren, war nicht bekannt, dass Muslime kein Schweinefleisch essen. So gingen wir öfter mit leerem Magen ins Bett. Aber wir sind gut aufgenommen worden. Ich kenne kein besseres Land als Deutschland. So tolerant, das ist der Hammer.

Ich bin Muslim, aber ein lockerer. Wir sind doch alle Menschen! Ich glaube, dass unser Leben eine Prüfung ist. Allah testet uns: den einen mit Reichtum, den anderen mit Armut. Ich bin froh, wenn ich helfen kann – hier bei uns und anderswo in der Welt. Ein Kumpel, der nach Togo abgeschoben wurde, hat mir von der Wasserknappheit dort erzählt. Viele Menschen müssen zehn Kilometer laufen bis zum nächsten Brunnen. Also hab ich angefangen, Spenden zu sammeln. Zwanzig Brunnen haben wir schon gebaut. Am Anfang kamen donnerstags nur drei oder vier Wohnungslose vorbei, jetzt sind es um die fünfzehn. Einige kenne ich mittlerweile gut, zum Beispiel den Francesco.

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