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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2017
»Überall schwindet das Vertrauen«
Norbert Lammert über Medien, Demokratie und Kirche
Der Inhalt:

Sichtbares & Unsichtbares

von Michael Schrom vom 09.06.2017
Der Kirchentag in Berlin und Wittenberg glänzt mit Prominenz, offenbart aber auch tiefe Verunsicherung

Keine Frage. Wem es gelingt, die prominentesten Vertreter von Regierung und Opposition, die bekanntesten deutschen Soziologen und Politologen, namhafte jüdische, muslimische und palästinensische Intellektuelle, einen ehemaligen amerikanischen Präsidenten, den ranghöchsten Geistlichen des sunnitischen Islams, Gewerkschaftsführer, Theaterleute und die Brüder von Taizé an drei Tagen für Begegnungen und Diskussionen zu gewinnen und für 106 000 Gäste 2473 Veranstaltungen zu organisieren, kann mit Recht stolz sein. Die Breite des Programms und der »Promifaktor« des diesjährigen Kirchentags dürften kaum mehr zu überbieten sein. Wer da nichts Interessantes fand, war selbst schuld. Dazu: bestes Wetter, gute Stimmung, schöne Gottesdienste und die Energie einer pulsierenden Metropole. Atmosphärisch war dieser Kirchentag zweifellos gelungen.

Dennoch: Von einer Zeitansage oder gar einer Prägekraft, die von diesem Christentreffen ausging, wird man nicht sprechen können. Die Berliner ließen den Kirchentag genauso freundlich-achselzuckend vorüberstreichen wie das jährliche Fußballpokalfinale. Die Kirchentagsbesucher mit ihren orangen Schals blieben ebenso unter sich wie die Fußballfans mit ihren schwarz-gelben oder schwarz-weißen. Die Zeiten, in denen ein Kirchentag eine Stadt verzaubern oder intellektuell befruchten konnte, sind vorbei. Aber sind auch die Zeiten vorbei, in denen Kirchentage nach innen wie Jungbrunnen wirkten und neues christliches Selbstbewusstsein schufen? Vor ein paar Jahren hatte die Generalsekretärin des Kirchentags, Ellen Ueberschär, der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mehr Distanz zum Staat empfohlen. Der von ihr verantwortete Kirchentag demonstrierte jedoch das genaue Gegenteil. Staatsnähe bis hin zur Ununterscheidbarkeit. Das ist keine Kritik an den Bibelarbeiten, die von etlichen Politikern höchst originell bestritten wurden und nach wie vor zu den Klassikern zählen. Aber wenn die Verteidigungsministerin die Predigt bei einem Bittgottesdienst für den Frieden hält, wenn man zulässt, dass der EKD-Ratsvorsitzende nur als Stichwortgeber für ein nettes Gespräch zwischen Merkel und Obama wahrgenommen wird, und wenn kein profilierter Theologe, sondern der Innenminister mit dem ranghöchsten sunnitischen Geistlichen diskutiert, sind kritische Nachfragen angebracht. Wenn sich das Selbstbewusstsein der Kirche über die Nähe zum Staat definiert, kann

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