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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2016
Klare Kante, neue Hoffnung
Der Katholikentag in Leipzig
Der Inhalt:

Keine Kompromisse, wenn es Liebe ist

von Knut Wenzel vom 10.06.2016
Religiöse Fragen sind ein Lebensthema von Bob Dylan. Gleichzeitig verweigert er sich allen organisierten Glaubensgemeinschaften. Warum der weltbekannte Musiker ein typischer Vertreter der »American Religion« ist

Vor einigen Jahren hat Harold Bloom, einer der einflussreichsten amerikanischen Literaturwissenschaftler, eine Anthologie (Sammlung) amerikanischer religiöser Gedichte herausgegeben, veröffentlicht in der Library of America. Was hier erscheint, ist Kanon. In der Einleitung weist Bloom darauf hin, dass viele der Dichterinnen und Dichter keiner verfassten Religion angehören, in diesem Sinn also nichtreligiös sind. Dennoch sieht er eine verbindende Dimension des Religiösen, die sich durch alle Texte zieht. Er nennt dies: »American Religion«. Religiös zu sein, ohne sich an eine gemeinschaftlich verfasste, durch Bekenntnis, Lehre, Kult und Ritus sich vollziehende Religion zu binden: Das scheint den Kern der American Religion auszumachen.

Bedenkt man, wie sehr die christliche Rechte unter Ronald Reagan und George W. Bush die Politik und die öffentlichen Debatten regelrecht gekapert hat – eine Entwicklung, die schon unter Dwight D. Eisenhower begann, der den evangelikalen Prediger Billy Graham in den engsten Beraterkreis vorließ –, erscheint Blooms American Religion auf den ersten Blick wie ein Konstrukt, das, vielleicht mit religionskritischer Absicht, gegen die gesellschaftliche Wirklichkeit aufgeboten wird.

Doch dieses Konstrukt hat einen Realitätskern. Die Kirche, die Konfession oder die Religion zu wechseln, ist Alltag in Amerika. Dass Religion nicht mehr an einer Kirche hängt, sondern im unverfügbaren menschlichen Subjekt gründet, gehört seit William James (1842-1910) und John Dewey (1859-
1952), zwei Hauptvertretern der amerikanischen Philosophie des Pragmatismus, zum religionsphilosophischen Standard.

Was haben diese Überlegungen mit Bob Dylan zu tun, der kürzlich seinen 75. Geburtstag feierte? Dylan stammt aus einer jüdischen Familie, deren Bindung ans Judentum eher kulturell als religiös verankert war. Am Anfang seines Wegs als »Song and Dance Man«, wie er sich selbst bezeichnet, steht eine religiöse Verehrung des Folk-Musikers Woody Guthrie – als Lehrer, Rabbi, Guru, nur eben unter dem Paradigma der Folk Music, nicht dem einer Religion. Ende der 1970er-Jahre macht Dylan eine Phase des extremen Pfingst-Christentums durch. Seine Konzerte werden zu Verkündigungs- und Erweckungsgottesdiensten. Musikalisch währt diese Phase zweieinhalb Schallplatten. Das darauffolgende Album heißt »Infidels« (Ungläubige,

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