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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2016
Klare Kante, neue Hoffnung
Der Katholikentag in Leipzig
Der Inhalt:

»Kreuzzug gegen Russland«

von Heinrich Missalla vom 10.06.2016
Vor 75 Jahren begann der Krieg gegen die Sowjetunion – gerechtfertigt auch von den Kirchen. Eine Erinnerung

Am Sonntag, 22. Juni 1941 ministrierte ich im St.-Josefs-Krankenhaus in Wanne-Eickel. Beim Verlassen der Kapelle hörte ich, wie sich Frauen erregt unterhielten: Der Krieg gegen Russland habe begonnen. Ich rannte nach Hause und erzählte es meiner Mutter. Sie begann zu weinen. Von meinem Vater hatten wir einige Zeit nichts gehört. Seinen letzten Feldpostbrief hatte er aus Frankreich geschrieben. Der folgende kam aus Russland …

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion erreichte der Zweite Weltkrieg eine andere Dimension. Jetzt wurde er endgültig zu einem Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg. Bedingungslos unterstützt wurde Hitler von den »Deutschen Christen«, einer mächtigen Strömung innerhalb der evangelischen Kirche, die sich zum Ziel gesetzt hatte, mithilfe von Theologie und Lehre die nationalsozialistische Weltanschauung zu rechtfertigen und umzusetzen. Bei den Synodalwahlen in allen Landeskirchen nach der Schaffung einer Evangelischen Reichskirche am 23. Juli 1933 erlangten die Deutschen Christen die Zweidrittelmehrheit und besetzten die wichtigsten Ämter. Die Gründung der »Bekennenden Kirche« durch Martin Niemöller und ihr Widerstand verhinderte zwar die völlige Gleichschaltung der evangelischen Kirche, doch die Mehrzahl der Landeskirchen war bis 1945 in der Hand der Deutschen Christen.

In der katholischen Kirche gab es keine vergleichbare Spaltung. Im damals noch intakten katholischen Milieu hatte die Stimme der Bischöfe höchste moralische Autorität, galten sie uns doch als Stellvertreter Christi. Auffallend war aber, dass ihre Äußerungen zum Krieg sich änderten, als der Feldzug gegen die Sowjetunion begann. Während der beiden ersten Kriegsjahre hatten die katholischen Bischöfe sich auf allgemeine Mahnungen zur Einsatz- und Opferbereitschaft sowie zur Tapferkeit beschränkt. Traditionell wurde dies mit der Pflicht zum Gehorsam gegenüber dem Staat und mit der Liebe zum Vaterland begründet, das vor Feinden geschützt werden müsse. Vier Tage nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion – an meinem 15. Geburtstag – schrieben die Bischöfe in einem Hirtenbrief an die Soldaten: »Bei der Erfüllung der schweren Pflichten dieser Zeit möge die trostvolle Gewißheit euch stärken, daß ihr damit nicht bloß dem Vaterlande dient, sondern zugleich dem heiligen Willen Gottes folgt.« Man kann nur staunen und erschrecken, mit welcher Selbstverständlichkeit die Oberhirten den Anspr

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