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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2016
Klare Kante, neue Hoffnung
Der Katholikentag in Leipzig
Der Inhalt:

Glück in den Brüchen

von Thomas Seiterich vom 10.06.2016
Eine Karriere nach unten: Der badische Priester und Lyriker Andreas Knapp lebt als »Kleiner Bruder« in der Leipziger Plattenbausiedlung Grünau

Zweimal lädt Andreas Knapp während des Katholikentages ein zu einem »Lyrischen Stadtrundgang – Orte und Worte«. Es kommen Hunderte. Viele der Mitgehenden stammen unüberhörbar aus der Südwestecke Deutschlands. In Baden besitzt Knapp, der viele Jahre in Freiburg die Katholische Studentengemeinde und später das Priesterseminar leitete, unter einfachen Christen wie unter Prälaten eine Fangemeinde. Bei der Bischofswahl 2014 erträumte sich manch einer Knapp gar als »jesuanischen« Erzbischof am Oberrhein.

Der Priester in Jeans und Karohemd, ein solide gebauter Mittfünfziger mit ansteckend optimistischer Ausstrahlung, ist nicht bloß heiter. Als Dichter liefert Andreas Knapp Bitteres, kein Glaube light, keine süßlich harmonische Pastoralkost.

Am Platz der zerstörten Synagoge im Zentrum von Leipzig trägt Andreas Knapp sein Gedicht »Hiob« vor, ohne Mikrofon und so laut, dass es die 200 Weggenossen und die Nachbarn hören:

unter unbestirntem Nachthimmel hin und her getrieben von Irrlichtern des Schmerzes / die knie aufgeschürft vom vergeblichen Beten Wundbrand des Zweifels / in schlaflosen Nächten brüllst du den Himmel an bleibst ihm keine Frage schuldig / Wortwechsel zwischen dir und ihm werft ihr euch gegenseitig Fragezeichen an den Kopf / am Ende aber stellt er die letzte Frage und keine Antwort mehr

Weshalb haben Sie mitten in der Priesterlaufbahn so radikal mit Ihrer Karriere gebrochen?, frage ich ihn, als wir abends bei einem Weißbier zusammensitzen. Knapp, der soeben ein Forum über »Kampf und Kontemplation« im überfüllten Central Kabarett absolviert hat, ist voll konzentriert. Erst mal bringt er »das mit den Brüchen« theologisch auf den Punkt: »Der Kern unseres Christentums besteht darin, dass Gott ein Mensch wird in Jesus – ist das nicht der radikalste Bruch, der totalste Perspektiven- und Blickwechsel, der überhaupt denkbar ist?«, fragt er. Und dann erklärt Knapp, wie glücklich es ihn heute mache, dass er aus dem rundum versorgten »Kirchenbeamtentum«, in dem er sich als Studentenpfarrer und Priesterausbilder bewegt habe, ausgestiegen sei.

Seit Langem lebt er im Prekariat. Viele Jahre hat Knapp in Leipzig als Hilfsarbeiter und Packer in Versandunternehmen gearbeitet. Oft währten die Arbeitsverträge nur drei Monate. Seit einigen Wochen arbeitet er als Knastpfar

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