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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2012
Die Zeit des Gehorsams läuft ab
Nach dem Katholikentag
Der Inhalt:

Zwischen den Welten

von Bettina Röder vom 05.06.2012
Pilgern, wo einst die innerdeutsche Grenze war

»Am 9. Juni geht’s los!« Harald Riese kann es kaum erwarten. Er blinzelt in die Sonne. Dann wandern seine blauen Augen hinter der runden Brille immer wieder auf das Blatt Papier, das vor ihm liegt. 80 Orte sind darauf eingezeichnet, verbunden durch eine Linie. »Die Hälfte davon habe ich in den letzten drei Monaten besucht, und was ich da erlebt habe, hat mich zutiefst berührt«, sagt der gelernte Kirchenmusiker. Eigentlich aber ist er ein Wanderer zwischen den Welten. Von Westberlin über Duderstadt und Siebenbürgen führte sein Lebensweg. Heute lebt er in Naumburg. Was er nun vorhat, das ist auch eine Wanderung zwischen den Welten. Und zwar entlang der einstigen innerdeutschen Grenze.

»Mit-einander wandeln« ist das Motto des 1400 Kilometer langen Pilgerweges zwischen Bayern und der Ostsee, die der 72-Jährige zurücklegen wird. Mit von der Partie ist die Initiatorin Anja Palitza, Mitarbeiterin eines Kinderheims im thüringischen Ranis mit ihren beiden Kindern. Und seine Frau Maria, die für das »gesunde Essen« sorgt, die Natur gibt’s gratis dazu. Wer möchte, kann auch nur zwei oder drei Stationen mitlaufen, zehn Pilger umfasst die Gruppe bislang.

Neunzig Tage werden sie unterwegs sein, inspiriert von der gewaltfreien Kommunikation Marshall B. Rosenbergs, der sie im gewaltbeladenen Milieu von Detroit entwickelt und praktiziert hatte. Gewaltfreie Kommunikation üben, wo einst die martialische Grenze war, das will auch die Pilgerschar, die für weitere Interessenten offen ist. Los geht es mit einer Andacht in der Kirche von Regnitzlosau in Bayern in der Nähe von Hof. 13 bis 18 Kilometer werden pro Tag zurückgelegt.

Gern haben die Gemeinden ihre Türen geöffnet, an sechs Orten auch der Gasthof. »Wenn Ihr am 17. Juli kommt, wird meine Taufkapelle eingeweiht, da könnt ihr mitmachen«, hat sofort der Pfarrer von Allendorf erklärt. In Burggrub, auf der ehemaligen Grenze zu Thüringen, sind sie eingeladen, in der Friedenskapelle die Glocken zu läuten. Sie werden auch in Billmuthausen vorbeikommen, das es nicht mehr gibt. Es ist eins der »geschliffenen Dörfer«. 3600 Menschen verloren allein in Thüringen ihre Heimat.

Geblieben von der Kirche ist lediglich ein Stein, der in der nahen Gedenkstätte zu sehen ist. »Geschichten von großem Leid und überwältigender Freude werden wir gehört haben, wenn wir – so Gott will – am 8. September in Priwall bei Travem

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