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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2012
Die Zeit des Gehorsams läuft ab
Nach dem Katholikentag
Der Inhalt:

»Hey, schau mich an«

von Bettina Röder vom 05.06.2012
Auf der Suche nach Lebenssinn in der Mühle des Konsums: Junge Christen auf dem schwarzen Wave-Gothic-Treffen in Leipzig

Sie eilt über den Leipziger Ring. Das ist in ihrem langen Kleid nicht einfach. Mit der linken Hand hält sie den dunkelroten Taftrock, in der rechten trägt sie einen schwarzen langen Schirm. Den braucht sie aber nicht, denn an diesem Pfingstsonntag scheint die Sonne, kaum eine Wolke ist am Himmel zu sehen. »Das ist ein Kostüm nach der Kaiserin Sissi, ich hab’s halt meiner Figur angepasst«, sagt die Frau mit dem schwarzen Mieder und japst ein wenig nach Luft. Im hochgesteckten Haar trägt sie eine schwarze Blume. Die Fahrt nach Leipzig, wo an diesem Pfingstwochenende über 20 000 vor allem schwarz gekleidete Gothic-Fans die Stadt bevölkern, hat Felicitas aus Stuttgart von ihrer Tochter und ihrem Sohn zum Geburtstag geschenkt bekommen.

»Die beiden sehen hier schwarz und böse aus, im wirklichen Leben sind sie ganz liebe Menschen, sie studieren Physik und Pädagogik«, erzählt die 51-Jährige. Daheim habe sie ein Stoffgeschäft und drei Monate an den Kleidern für sich und die Kinder genäht. Für den Fasching hätte sich das nicht gelohnt, aber für dieses Treffen hier schon. Mit schwarzer Magie, die den Teilnehmern des Wave-Gothik-Treffens gerne zugeschrieben wird – es zieht sie seit 1992 immer wieder aus aller Welt nach Leipzig –, hat sie nichts am Hut. »Es tut so gut, mal in eine andere Rolle schlüpfen zu können«, lacht sie. In ihrem Fall also in die der Kaiserin Sissi.

Da mischt sich auch schon das Glockengeläut der evangelischen Peterskirche in ihre Worte. Die Gothic Christ, wie sich die Gruppe nennt, laden zum abendlichen Pfingstgottesdienst während der vier Tage des Musik- und Kunstfestivals ein. »Ich bin Katholikin und schau mir das halt mal an«, sagt Felicitas und verschwindet hinter dem hohen Portal der kühlen neugotischen Sandsteinkirche.

Drinnen ist alles mit Kerzen erleuchtet, rote flackern von den Emporen, weiße säumen den Eingang. Buntes Licht fällt spärlich durch die prächtigen Glasfenster. Auf den Klappstühlen haben vor allem schwarz gekleidete Menschen Platz genommen, viele sind jung. Sie sind auf hohen Absätzen und in Strapsen in die Kirche gestöckelt, andere tragen Rittergewänder, wieder andere Kleider mit prachtvoller schwarzer Stickerei. Eine Dame in der ersten Reihe hat einen schwarzen Zylinder auf dem Kopf, mit einer riesigen schwarzen Feder, die ein wenig die Sicht auf den Altar versperrt. Doch das

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