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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2012
Die Zeit des Gehorsams läuft ab
Nach dem Katholikentag
Der Inhalt:

Madame Curie hat immer ein Pils

von Sandra Berger vom 05.06.2012
Weinen und Lachen im Hospiz: Mein Mann hat Krebs. Ein Erfahrungsbericht über die bürokratischen Hürden des Sterbens, eine treue Freundin und halbe Perücken

Von der medizinischen Klinik ging es auf die Palliativstation und von der Palliativstation ging es ins Hospiz. Mein Mann hat Krebs, er wird nicht mehr lange leben. Während sich draußen die Welt mit der Frage beschäftigt, ob Markus Lanz als Nachfolger von Thomas Gottschalk taugt, suche ich die beste Windelsorte und streite um die Pflegestufe. Auch ich konnte bis vor Kurzem Worte wie Krebs, Sterben und Tod erfolgreich verdrängen. Ich konnte mir einreden, dass es nur andere betrifft, dass es etwas ist, was man im Fernsehen, mit rührseliger Musik unterlegt, beim Zappen zufällig mal findet. Oder dass es einen erst erwischt, wenn man um die neunzig ist. Weit gefehlt. Vor wenigen Jahren wurde bei meinem Mann ein Prostatakarzinom festgestellt. Das hat gestreut. Ich frage mich, was mehr als sechzig Metastasen allein im Hirn anrichten, von denen in anderen Organen ganz zu schweigen.

Zunächst aber war seine Erkrankung ein sozialer Lackmus-Test. Manche Freunde blieben schneller weg, als man »Karzinom« sagen konnte. So als sei die Krankheit ansteckend. Okay, die Prostata ist nicht unbedingt der Quotenhit unter Männern, die sich auf dem Fußball- und Auto-Terrain deutlich wohler fühlen. Andere Freunde bewiesen sich als wirkliche Freunde, wie etwa Heike. Sie nahm sich drei Wochen Urlaub, flog von England, wo sie arbeitet, nach Deutschland und zog zu uns ins Hospiz. Auch jetzt ersetzt sie mich gerade, damit ich mir zu Hause mal ein paar ruhige Stunden leisten kann.

Keine Sorge: Nicht alles hier ist tieftraurig. Oft lachen wir auch. Etwa mit der jungen Krebspatientin auf der Palliativstation. Sie hat durch die Chemotherapie alle Haare verloren und trägt eine Perücke. Die hatte sie zur Hälfte selbst finanzieren müssen. Die Krankenkasse ließ ein Schild einnähen »Eigentum der XYZ-Ersatzkasse« und wies sie in einem Schreiben darauf hin, dass sie sie zurückgeben müsse, wenn sie sie »nicht mehr braucht«. Der Ehemann hat mir in die Hand versprochen, nach ihrem Tod die Perücke halb durchzuschneiden und persönlich die Hälfte abzuliefern, die der Kasse gehört. »Haben die eine Asservatenkammer, in der gebrauchte Perücken hängen?«

Nach dieser Geschichte wollten wir erst einmal ein Bier trinken. Ein Pfleger der Palliativstation, um drei Flaschen Pilsener gebeten, sagte ernst: »Da muss ich Madame Curie fragen, die hat immer Bier.« Madame Curie, finden wir heraus, ist der Name der Frauenstation.

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