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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2020
»Die Zeit läuft uns weg«
Ein Gespräch mit Georg Bätzing
Der Inhalt:
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Das dunkle Geheimnis

von Eva-Maria Lerch vom 29.05.2020
In vielen Familien gibt es schreckliche und schambehaftete Ereignisse, über die nicht gesprochen werden darf. Aber gerade durch das Verschweigen entfalten sie eine zerstörerische Kraft

Ein Student schaut aus dem Fenster seiner Mansarde und beobachtet seine Eltern, wie sie auf das Haus zukommen, um ihn zu besuchen. Er will zu ihnen hinuntergehen, spürt aber zugleich einen heftigen Widerstand: »Warum hatte ein Mensch Eltern? Warum riefen sie, wie sie so dahinschlurften, derartig gegensätzliche, einander widerstreitende, schmerzliche Gefühle in einem hervor, Erbarmen und Entsetzen, Mitleid und Abscheu, Anhänglichkeit und Wut?«

Diese Szene schildert Maarten ’t Hart in seinem Roman »Das Wüten der ganzen Welt«. An diesem Punkt der Handlung wird spürbar, dass etwas Unausgesprochenes die Familie belastet. Tatsächlich sind die Eltern des Studenten zu ihm gekommen, um ein schreckliches Familiengeheimnis zu lüften. Sie bringen es dann aber doch nicht über die Lippen und gehen unverrichteter Dinge wieder weg. Für die Leser ist das ungeheuer spannend. In allen literarischen Gattungen – von der preisgekrönten Kriminalgeschichte eines Maarten ’t Hart über unzählige voluminöse Familiensagas bis zur Trivialliteratur à la Rosamunde Pilcher – werden immer wieder unterschiedliche Familiengeheimnisse verarbeitet. Liegt die Faszination dieser Geschichten vielleicht auch darin, dass es derartige Lügen und Tabus auch in vielen realen Familien gibt?

»Solche Geheimnisse gehören absolut zu meinem täglichen Geschäft«, sagt die Schweizer Familientherapeutin Rosemarie Welter-Endelin in einem Interview mit der Zeitschrift Brigitte. Schlimme, vor allem schambesetzte Ereignisse in der Familie – etwa körperliche und sexuelle Gewalt, Sucht oder Suizid, außereheliche Affären und »untergeschobene« Kinder, Straftaten und Verbrechen – werden häufig über Generationen totgeschwiegen. Sie verschwi

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