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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2019
Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern
Eine Annäherung in fünf Schritten
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Es ist überall schön«

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 24.05.2019
Vor wenigen Jahren hat Mariane Starck (67) alles verloren. Jetzt verkauft die Kroatin in Deutschland Spargel und Erdbeeren

Manchmal fühle ich mich wie ein Roboter: Arbeiten, essen, duschen, schlafen – und wieder von vorne. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und arbeite, seit ich 15 bin. Seit fünf Jahren bin ich Saisonarbeiterin und verkaufe Spargel und Erdbeeren in Deutschland, immer hier, an diesem kleinen Stand bei Oberursel. Anfang April komme ich an und bleibe bis zum 27. Juni. Über meinen Chef vom Spargelhof Mager kann ich kein schlechtes Wort sagen, er ist sehr nett und korrekt. Ich bin zufrieden mit der Arbeit. Wenn ich will, kann ich einen Tag in der Woche freinehmen, aber das mache ich nicht oft, ich will ja was verdienen. Die Autos, die hier vorbeirauschen, höre ich gar nicht mehr, die blende ich aus. Egal wo ich bin, es geht mir gut. Und wenn es mir nicht gut geht, kündige ich.

Es ist keine schwere Arbeit, aber sehr eintönig. Dieses Jahr war es zu Beginn noch richtig kalt, und dann ist da die Langeweile. Am Tag kommen etwa dreißig, vierzig Kunden. Da freue ich mich über jeden Besuch, auch über die zwei Enten, die jeden Tag zu mir kommen und die ich mit Brotkrumen füttere. Manchmal halten sie dann hier auf der Wiese ein Schläfchen. Zwischendrin lese ich, schaue Youtube-Videos auf dem Handy oder höre Musik – meistens kroatische Lieder, aber auch Michael Jackson oder Elvis Presley.

Zu Hause bin ich in Kroatien, in einem Städtchen etwa 15 Kilometer entfernt von Zagreb. Kroatien ist ein schönes Land, aber es gibt viel Korruption, und die Jungen gehen fast alle weg. Zurück bleiben die Rentner und die Politiker. Jeder liebt sein Land, aber man muss auch Arbeit haben. Die Kroaten gehen, die Rumänen kommen. Die kriegen bei uns mehr Geld als in Rumänien. Auch meine zwei Söhne sind weggegangen. Einer ist Metzger in Stuttgart, der andere fährt mit dem Lkw quer durch Europa. Ich habe fünf Enkelkinder, zwei von ihnen leben noch in Kroatien und studieren dort. Manchmal gehe ich mit ihnen ins Theater. Jetzt, wo ich hier bin, kümmern sie sich um mein kleines Gärtchen.

Ich wollte eigentlich immer Friseurin werden, aber meine Eltern waren sehr arm, und so musste ich die Schule verlassen, als ich 15 war. Vier Jahre lang habe ich in einer Strickfabrik auf der Schwäbischen Alb gearbeitet. Die gibt es heute gar nicht mehr. Weil mein Vater krank wurde, bin ich dann zurück nach Kroatien und habe mit 21 geheiratet.

2013 ist mei

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