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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2018
Frieden in einer irren Welt
Katholikentag 2018: Ängste, Ideen, Sehnsüchte
Der Inhalt:

»Seine Füße baden in des Gottlosen Blut«

Die Gewalttexte der Bibel wurden in den Kirchen lange verdrängt wie peinliche Familiengeheimnisse. Aber das ist in diesen Zeiten hochgefährlich. Der Katholikentag zeigt einen besseren Weg

Warum macht der Gott das?«, fragt das Kind seine Mutter. In der Osternacht wurde soeben die Lesung aus dem Buch Exodus vorgetragen: Wie das Volk Israel aus Ägypten flieht und trockenen Fußes durch das Rote Meer ziehen kann. Als aber die Ägypter ihnen nachjagen, lässt Gott die Wasser wieder fließen: »Sie bedeckten die Streitwagen und die Reiter und das ganze Heer des Pharao, die hinter ihnen ins Meer gekommen waren. Nicht ein einziger von ihnen blieb übrig.« Diese Massentötung passt so gar nicht zu dem »lieben Gott«, an den das Kind bisher geglaubt hat. Es trauert vor allem um »die armen Pferde«. Und seine Mutter weiß keine Antwort. Auch sie hasst die archaische Gewalt der Erzählung – und fragt sich, was die in der Auferstehungsfeier zu suchen hat.

Jetzt sitzt die Mutter bei einem Vortrag des Theologen Egbert Ballhorn, um sich mit der befremdlichen Bibelstelle auseinanderzusetzen. »Die Exoduslesung steht wie ein unbearbeiteter Klotz in der Osternacht«, gesteht der Bibelwissenschaftler: »Ein Fünftel der Gemeinden lässt sie einfach weg.« Aber gerade das, sagt Ballhorn mit spürbarer Leidenschaft, dürfe nicht passieren: »Das Christentum ist nicht niedrigschwellig: Es geht immer um Leben und Tod! Und gerade solche Texte sind die Orte, wo die Kraft herkommt.«

Die Gewalttexte der Bibel, ihre Mord- und Kriegsgeschichten, Vergewaltigungen und Rachepsalmen wurden in den letzten Jahrzehnten fast so behandelt wie peinliche Familiengeheimnisse: Man verdrängte sie, so gut es ging, verkündigte den barmherzigen und verzeihenden Gott, las immer wieder gern das Gleichnis vom verlorenen Sohn, sang »Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer«. Man tilgte die martialischen Sprachbilder aus den Kirchenliedern und die Fluchpsalm