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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2018
Frieden in einer irren Welt
Katholikentag 2018: Ängste, Ideen, Sehnsüchte
Der Inhalt:

Die Geister, die ich rief

von Andrea Teupke vom 25.05.2018
Seit einem Vierteljahrhundert gibt es das »World Wide Web«. Eine atemberaubende Entwicklung begann. Heute sagen viele der Internet-Pioniere von damals: Das haben wir nicht gewollt

Man stelle sich vor, um das Jahr 1930 herum wären Carl Benz, Henry Ford und Louis Renault gemeinsam aufgestanden und hätten verkündet: Leute, es tut uns aufrichtig leid, aber das mit dem Automobil war doch keine so gute Idee. Absurd? Etwas Ähnliches ist tatsächlich soeben geschehen; die Elite der Internet-Pioniere hat öffentlich um Entschuldigung gebeten.

Unter der Überschrift »The Internet Apologizes« hat das amerikanische Magazin New York Interviewausschnitte mit mehr als einem Dutzend Netzvordenker, Urheber und Entwickler veröffentlicht. Sie alle sind sich einig: So darf es nicht weitergehen. Das Netz, von seinen Begründern als offener und kreativer Resonanzaum gedacht, in dem sich Menschen informieren und austauschen können, ist zu einer gigantischen Maschine geworden, die ihre Benutzer abhängig macht, ihre Lebenszeit frisst, sie ausspioniert und ihr Denken und Handeln in einer Weise beeinflusst, die sich kein Machiavelli hätte träumen lassen.

Wie der Zauberlehrling in Goethes berühmter Ballade stehen die Macher und Programmierer nun hilflos vor ihrem Werk, das sich so unerwartet entwickelt und selbstständig gemacht hat. Namhafte Brancheninsider wie Tristan Harris, der für Apple und Google gearbeitet hat, warnen vor den gesellschaftlichen Folgen: Schließlich seien die Algorithmen sozialer Netzwerke und anderer kommerzieller Dienste gezielt dafür konstruiert, ihre Nutzer so lange wie möglich an den Bildschirm zu fesseln. Egal wie unsinnig, populistisch oder unmoralisch Inhalte sein mögen – sobald sie Klicks generieren und die Verweildauer erhöhen, werden sie verbreitet. »Was mir schlaflose Nächte bereitet, ist die Sorge, dass unsere Gesellschaft auseinanderfallen wird, wenn wir es nicht schaffen, diese Entwicklung zu korrigieren«, sagt Harris.

Auch Tim Berners-Lee, der das »World Wide Web« erfunden und durch seine Entwicklung des Hypertext überhaupt erst möglich gemacht hat, klagt, das Netz sei heute nicht mehr, was es einmal war. »Die Machtkonzentration in der Hand weniger Firmen« habe es ermöglicht, das Internet »als Waffe zu nutzen.« Und Jaron Lanier, Web-Pionier und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, sagt schlicht: »Wir sind Arschlöcher geworden.«

Was ist schiefgegangen? Warum hat sich die fröhliche Utopie binnen weniger Jahre in

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