Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 10/2010
Rebellion auf leisen Sohlen
Der Ökumenische Kirchentag in München
Der Inhalt:

Christus in mir

von Elisabeth Moltmann-Wendel vom 28.05.2010

Die Mystik-Welle in der Theologie hat auch die Feministische Theologie erfasst. Doch die Situation ist diffus: Auf der einen Seite gibt es ein neues großes Interesse an der mystisch-christlichen Frauentradition des Mittelalters. Auf der anderen Seite gibt es die Bibel in gerechter Sprache, die für viele Ausdruck Feministischer Theologie ist, in der aber die biblischen Fundamente der christlichen Mystik radikal gestrichen sind: So wird der Begriff »in Christus« in dieser Übersetzung nicht mehr personal verstanden, sondern bekommt soziale Bedeutung. Er wird meist mit den Worten »in einer Gemeinschaft« wiedergegeben.

Löst sich die Feministische Theologie also von der Christologie, die sie immer wieder als problematisch erlebt hat? Oder sucht sie jenseits der verbreiteten mittelalterlichen Leidens- und Kreuzesmystik nach einer eigenen religiösen Sprache? Sucht sie – mit einem Wort – nach einer neuen christlichen Mystik?

Christus sinnlich erfahren.Christus-Mystik hat im Laufe der Geschichte viel bewirkt. Im Mittelalter gibt sie Frauen oft genau die Kraft, die sie brauchen, um sich im Angesicht männlicher Macht zum Selbstsein zu ermuntern: So orientieren sich am Ende des Dreißigjährigen Krieges Frauen wie Antonia von Württemberg mit ihrem Teinacher Altar am auferstandenen Christus, dessen Bild es ihnen ermöglicht, die zerstörte Erde wieder lebendig zu machen.

Im 19. Jahrhundert sind es Frauen wie Henriette Schrader-Breymann – die Gründerin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses in Berlin –, denen Emanzipation im rechtlichen Sinne nicht genügt: Sie suchen nach einer Frauenkultur, die sich am Leben Jesu orientiert. Nicht Kreuz, nicht Sühneopfer sind dabei zentral, sondern »Jesu still strahlendes Leben«. Schrader-Breymann spürt die »Einheit von Gott und Mensch, Mensch und Natur«. Mit Jesus kann sie »verwachsen« und den Schöpfergeist Gottes durch ihn spüren. Das Wort »Mystik« fällt bei ihr nicht, aber ihre Ansätze, die Christus-Liebe wieder zu neuem Leben zu bringen – etwa in der ganzheitlichen Fürsorge für Kinder und Jugendliche –, sind aus dieser Zeit seltene Spuren einer mystischen Frömmigkeit. Sie entwickelt sich inmitten einer von der Aufklärung faszinierten Frauenbewegung und einer kirchlichen Orthodoxie, die sich mit ebenjener Frauenbew

PFplus

Weiterlesen mit Publik-Forum Plus:

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für »Publik-Forum«-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen