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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2019
Ach, Europa
Vielfältig, widersprüchlich, wunderbar – die EU vor der Wahl
Der Inhalt:

Vorgespräch: Wo stünde Gandhi heute?

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 10.05.2019
Fragen an Gregor Lang-Wojtasik vom Internationalen Versöhnungsbund zur Tagung »150 Jahre Mahatma Gandhi«

Publik-Forum: Dieses Jahr wäre Mahatma Gandhi 150 Jahre alt geworden. Was meinen Sie, in welchem Konflikt stünde Gandhi heute an der Seite der Entrechteten?

Gregor Lang-Wojtasik: Er würde wohl nach Indien zurückkehren. Die aktuellen Entwicklungen unter Narendra Modi, der einen hindu-nationalistischen Staat aufbaut und alles Muslimische verdrängt und ignoriert, wären sicher ein großes Thema für Gandhi. Da hätte er genug zu tun!

Welche Rolle spielt er im heutigen Indien?

Lang-Wojtasik: Gandhi ist als Vater der Nation allgegenwärtig, allerdings stark im Sinne einer Museumsfigur. Auf einer Verkehrsinsel mitten in Jaipur steht eine Gandhi-Statue, so wie an vielen Orten im Land, und auf Geldscheinen ist sein Konterfei zu sehen. Sehr präsent ist Gandhi aber auch in den Widerstandsbewegungen, zum Beispiel für die Rechte der Adivasi, der indischen Ureinwohner, die gegen Staudammprojekte protestieren.

Sie organisieren Ende Mai eine Tagung zur Zukunft von Gandhis Weg der Gewaltfreiheit. Was steht da auf dem Programm?

Lang-Wojtasik: Es geht darum, den historischen Gandhi zur Kenntnis zu nehmen – und zu überlegen, was er heute für uns bedeuten kann. Die Frage nach Gewaltfreiheit steht im Zentrum aller Vorträge und Arbeitsgruppen, aber wir weiten den Blick und beschäftigen uns auch mit Kasturba, der Frau Gandhis, oder Abdul Gaffar Khan, dem »muslimischen Gandhi«, der hierzulande kaum bekannt ist. Zu Gast sein wird die Sozialaktivistin Swati Desai, die darüber spricht, welche Rolle Gandhi als Motivator in Indien spielt. Und wir nehmen ihn mit in unsere heutige Zeit, fragen, was der Widerstand im Hambacher Forst mit Gandhi zu tun hat – oder Quartiersmanagement in Berlin.

Gandhi wird bisweilen Rassismus und ein frauenverachtendes Weltbild vorgeworfen. Kommen auch solche Facetten zur Sprache?

Lang-Wojtasik: Ja, diese Irritation ist da, und die greifen wir auf. Nur wenn wir diese Spannung aufrechterhalten können, haben wir eine Chance, Gandhi in die heutige Zeit zu retten. Man muss natürlich auch sehen, dass er ein Kind seiner Zeit war. Wenn wir unser heutiges Weltbild zum Maßstab nehmen und Rassismus bloß mit heutigen Augen sehen, dürften wir weder Gandhi, noch Hegel oder Kant zitier

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