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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2019
Ach, Europa
Vielfältig, widersprüchlich, wunderbar – die EU vor der Wahl
Der Inhalt:

Der Zauber des ganz anderen

von Anne Strotmann vom 10.05.2019
Mehr als Türme und Mauern: Nach dem Brand von Notre Dame demonstrierte Europa seinen Reichtum. Doch im säkularen Raum sind Kirchengebäude Platzhalter für etwas anderes

Notre Dame brennt. Millionen von Menschen konnten am 15. April nur hilflos zusehen, wie die Flammen sich durch das alte Gebälk fraßen. Sie saßen erschrocken vor dem Fernseher oder standen in Paris in einiger Entfernung, schauten und schwiegen, manche sangen das Ave Maria für Notre Dame, unsere liebe Frau. Es waren nicht nur Katholikinnen, die so reagierten. Für den Moment lag etwas Rührendes darin, dass Menschen eine Kathedrale, ein Bauwerk betrauerten. Weil es ihre Verletzlichkeit zeigte, ihre irrationale Sentimentalität. Rührend auch deshalb, weil sie im laizistischen Frankreich, aber auch darüber hinaus kaum Worte dafür hatten, warum sie dieser Brand so erschreckte, so traurig und leise machte. Notre Dame wurde gebaut, um sie zu überleben. In ihre Mauern sind »so viele Geschichten von Trauer und Trost, von Bedrängnis und Segen« eingeschrieben, schrieb der evangelische Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm am Abend auf Facebook. Es brannte mehr als nur das alte Gebälk.

So rührend diese erste Verletzlichkeit war, so beunruhigend und abschreckend dagegen das nationale Potenzgehabe, das kurz darauf folgte. Bloß keinen Moment der Stille, der Hilflosigkeit angesichts der Flammen zulassen. Präsident Emmanuel Macron eilte zugleich beflissen herbei, nach den Auseinandersetzungen mit den Gelbwesten fast froh über eine Staatskrise mit einfacher Lösung: »Wir werden die Kathedrale von Notre Dame wieder aufbauen, schöner als zuvor«, verkündete er in einer pathosgeladenen Fernsehansprache an die Nation: »Ich will, dass wir das in fünf Jahren erreicht haben. Wir schaffen das.«

Auf einmal ging es um die Kathedrale als nationales Symbol der Stärke. Und um Geld. Innerhalb von 24 Stunden gingen etwa eine Milliarde Euro an Spenden für den Wiederaufbau ein. Summen, die als ekelhaft hoch empfunden wurden, zumal sie von Multimilliardären kamen. Angesichts der Verteilungsungerechtigkeit in Frankreich und in einer Welt, in der es so viel Armut, Hunger, Kriegen gibt, konnte dies nur zynisch wirken. Die Oberschicht der Superreichen – ein Prozent – demonstrierte den restlichen 99 Prozent einmal mehr: Wir gestalten die Welt nach unserem Gusto, mit mehr Geld, als ihr je ausgeben könnt. Make Notre Dame great again.

Manchen Christen müsste da Jesus durch den Sinn gehen, der nicht auf die Provokation des Satans hereinfiel und sich weigerte, Steine in Brot zu verwan

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