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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2019
Ach, Europa
Vielfältig, widersprüchlich, wunderbar – die EU vor der Wahl
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Tschüss, liebes Gerümpel

Ein Gespenst geht um in Europa und der ganzen Welt – es heißt Marie Kondo und ist auf den ersten Blick überhaupt nicht gruselig. Marie Kondo ist eine zierliche, liebe Japanerin, die eine Sache besser kann als alle anderen Menschen: Aufräumen. So wie seinerzeit das Kommunistische Manifest von Hand zu Hand ging, verbreitet sich heute Kondos Büchlein mit dem Titel »Magic Cleaning«. Das magische Anti-Chaos-Konzept ist inzwischen so berühmt, dass Marie Kondo schon vom Time Magazine zu den hundert einflussreichsten Menschen der Welt gerechnet wird. Weil niemand eine Sockenschublade schöner in Ordnung bringen kann als sie. Ich möchte lieber nicht darüber nachdenken, was das über unsere Zeit aussagt.

Bisher war ich ja davon überzeugt, dass Aufräumen keine Kunst, sondern einfach nur lästig ist. Die einen haben ihre eigene Faulheit eben besser im Griff als die anderen. Meine Freundin Jule zum Beispiel. Auf mein übliches Gestöhne über »diese Unordnung bei uns, unglaublich« erwidert sie mantraartig: »Probier es doch jetzt endlich mal mit der Kon-Mari-Methode.«

Marie Kondo ist jünger als ich. Sie bietet Kurse wie »Ordnung und Aufbewahrung für Unternehmer« und »Ordnung und Aufbewahrung für junge Frauen« an. Ein Kapitel ihres Buches heißt: »Ein neues Glücksgefühl im Kleiderschrank«. Auf Instagram, Hashtag: #kondoing, teilen ihre Fans Vorher-Nachher-Bilder. Dreckig – sauber. Vollgestopft – entrümpelt. Traurig – glücklich. Ist es wirklich so einfach?

Marie Kondo irritiert mich. Sie beschreibt, wie sie mit fünf Jahren Haushaltsmagazine gelesen und sich an den akkurat organisierten Regalen erfreut habe. Sie habe lieber aufgeräumt als gespielt. Manche Menschen würden sich um so ein Kind Sorgen machen. Neuerdings hat sie eine eigene Serie auf Netflix. Darin besucht sie Leute in ihren schnell noch hastig aufgeräumten Wohnungen, um dort mal richtig klar Schiff zu machen. Kondo empfiehlt, jedes Ding einzeln in die Hand zu nehmen. Dann soll man mit ihm sprechen und fragen, ob es einen glücklich macht. Wenn nein, dankt man ihm – und dann weg damit.

Also höre ich endlich auf Jule und die berühmte Japanerin und fange mit dem Ausmisten an: Liebes Glöckchen vom Schokohasen 2014, machst du mich glücklich? Das Glöckchen antwortet nicht. Zack, weg. Ach so: »Danke, liebes Glöcklein

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