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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2018
Kennen wir uns?
Jesus, Marx und die Krise des Kapitalismus. Ein Streitgespräch
Der Inhalt:

Hip-Hop, Hetze und Haltung

von Anne Strotmann vom 11.05.2018
Die menschenfeindlichen Liedtexte der Rapper Kollegah und Farid Bang empören, doch ihre Musik verkauft sich glänzend. Warum ist ein Genre so erfolgreich, in dem es scheinbar zum guten Ton gehört, sich im Ton zu vergreifen?

Anscheinend hilft Reden also doch, es dauert nur manchmal. Ist das die Lehre aus dem Skandal um die Rapper Kollegah und Farid Bang? Sie verdienen jahrelang Geld mit offensichtlich menschenfeindlichen Songtexten, doch als sie dafür – nicht zum ersten Mal – den kommerziellen Musikpreis »Echo« bekommen sollen, gibt es auf einmal Proteste. Debattiert wird vor allem darüber, ob die dumme und geschmacklose Liedzeile »Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen« antisemitisch ist oder noch unter künstlerische Freiheit fällt. Der Musikpreis erleidet einen solchem Imageschaden, dass er kurzerhand abgeschafft wird, die Plattenfirma lässt die Zusammenarbeit mit den beiden Preisträgern erstmal ruhen, es folgt eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung und schließlich nehmen die Delinquenten die Einladung des Auschwitz-Komitees an, die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers zu besuchen. Die öffentliche Ordnung scheint wieder hergestellt.

Doch derweil verkaufen sich nicht nur die Platten munter weiter, es bleibt überhaupt ein merkwürdiges Gefühl. Die HipHop-Gruppe »Antilopengang«, die sich von dem in der Szene verbreiteten aggressiven Männlichkeitskult abgrenzt und sich stattdessen lieber als neurotisch und uncool inszeniert, benennt es zuerst. Sie lassen keinen Zweifel daran, dass sie Kollegah ätzend finden. Die entscheidende Frage sei allerdings, warum sich solch reaktionäre Inhalte erfolgreich verkaufen und es erst einen Auschwitz-Vergleich brauche, um Empörung auszulösen. Denn die spezielle Zeile sei »schrecklich, aber vernachlässigenswert« – eben eine »Battlerap-Punchline«.

Was ist das für ein Genre, im dem solche Zeilen zum (nicht immer) guten Ton gehören? Der Theologe und Philosoph Jürgen Manemann vergleicht den Hip-Hopper erstaunlicherweise mit Sokrates: beide seien »Troublemaker«, Unruhestifter. »Im HipHop wird provoziert, radikalisiert, desillusioniert«, schreibt er in seinem Buch »Philosophie des HipHop. Performen, was an der Zeit ist«. Aber beide, Philosophie und Hip-Hop, so Manemann weiter, »provozieren nicht um der Provokation willen. Es geht beiden um die permanente Prüfung des eigenen Lebens.«

Ob sich Kollegah, dessen größte Begabung darin liegt, Geld zu machen, gerade dadurch auszeichnet, ist zu bezweifeln. Der Bochumer Soziologe Martin Seeliger findet, Kollegah übertreibe selbst innerhalb des Gangsta-Rap-Genres – weil er als Deutscher, der ein Gy

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