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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2018
Kennen wir uns?
Jesus, Marx und die Krise des Kapitalismus. Ein Streitgespräch
Der Inhalt:

Streitfragen
zur Zukunft: Brauchen wir eine deutsche Leitkultur?

Leserstimmen Alexander Schwabe hält es für schädlich, eine Leitkultur festlegen zu wollen. Raed Saleh meint, dass sie das Grundgesetz mit Leben füllen könnte. Jetzt haben die Leserinnen und Leser das Wort

Die Leitkultur-Debatte krankt vor allem am Begriff. Das sieht man schon daran, dass die Befürworter (»Grundgesetz plus Emotionen«) die Betonung nur auf das »Leit« legen und die »Kultur« übergehen. Dabei lebt unser freiheitlicher Rechtsstaat von Voraussetzungen – wie der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde es formuliert hat –, die er selbst nicht garantieren kann. Es gibt eine deutsche, europäische, westliche Kultur, die unser Grundgesetz hervorgebracht hat und lebendig hält. Über ebendiese Kultur müssen wir uns verständigen, und zwar nicht, um sie denen, die zu uns kommen, aufzudrängen, sondern um uns unserer selbst zu vergewissern, um uns selbst zu kultivieren: damit wir offen und souverän mit dem Anderen umgehen und vom Reichtum anderer Kulturen lernen können. Diese »Leitkultur« hieße dann Bildungskanon – und der würde erstmal uns selbst ein gutes Stück abverlangen. Aber wer will schon alte Bücher lesen? Eine Leitkultur à la »Grundgesetz plus x« passt da schon besser zu Digitalisierung, Ökonomisierung und flexibler Arbeitswelt. Albert Sperber, Koblenz

Der Begriff »Deutsche Leitkultur« wirft Fragen auf: Wer soll von wem und wie und wohin geleitet, geführt, umgeleitet werden? Die Kultur einer Gemeinschaft wächst über Monate, Jahre, Jahrhunderte und wird zu ihrer Identität. Sie ist nur auf eine spezifische, homogene Gruppe bezogen, treibt Wurzeln und Zweige, vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit, Heimat und Frieden. Viele der von Ihnen angeführten Beispiele spiegeln aber die Gegenwart, sind deshalb unbrauchbar. Geht es doch schließlich um die gewachsene Kultur, das Kultur-Erbe. Gemeinsamkeit findet man nur in einem bestehenden, nicht beliebig übertragbaren Wertekanon, der bewahrt und gepflegt werden muss. Auch die angedachte »linke Leitkultur« kann den angestrebten gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht verwirklichen. Helmut Wünsch, Schönefeld

Ja, wir brauchen ein kultiviertes Zusammenleben, ein Mindestmaß an sittlicher Identität, aber keine Normung von Kultur. Dass es an Ersterem fehlt, beklagte etwa Erich Kästner: »… aber die Sitten sind die nämlichen wie damals auf den Bäumen«.

Georg Lechne r,

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