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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2018
Kennen wir uns?
Jesus, Marx und die Krise des Kapitalismus. Ein Streitgespräch
Der Inhalt:

Der Schatten der Einsamkeit

Roman. »Wir waren Außenseiter, unsere Familie, selbst in dem winzigen Ort Amgash im ländlichen Illinois, wo auch andere Häuser heruntergekommen waren und gestrichen gehörten und keine Fensterläden hatten, keine Gärten, nichts fürs Auge.« Lucy Barton hat es geschafft, ihre Herkunft hinter sich zu lassen. Die junge Frau lebt als Schriftstellerin in New York, als sie für neun Wochen ins Krankenhaus muss. Sie hat Angst, fühlt sich einsam, vermisst schmerzlich ihren Mann und vor allem die kleinen Töchter, da kommt unerwartet ihre Mutter zu Besuch. Die beiden haben sich seit Jahren nicht gesehen. Zögernd nehmen sie Kontakt auf, tauschen bruchstückhafte Erinnerungen aus, nähern sich einander an – und lassen doch das meiste im Schweigen. Elizabeth Strout ist mit dem Roman »Die Unvollkommenheit der Liebe«, der jetzt auch als Taschenbuch vorliegt, ein Meisterwerk gelungen: In einer makellos schlichten Sprache nimmt die Pulitzerpreisträgerin ihre Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Die Protagonistin und Icherzählerin erinnert sich, welche Schatten über ihrer Kindheit lagen und wie ihr gesamtes Leben davon geprägt wurde: »Der Pick-up. Zeitweise kommt die Erinnerung mit einer Klarheit zurück, die mich selbst erstaunt. Die verschmierten Fenster, die Neigung der Windschutzscheibe, der Staub auf dem Armaturenbrett, der Geruch nach Benzin und fauligen Äpfeln und nassem Hund. Wie oft ich darin eingesperrt war, kann ich nicht sagen.« Lucy Barton beklagt sich nicht, sie beschuldigt auch ihre Eltern nicht. Äußerst zurückhaltend, mit weniger zornigem als erstauntem Blick betrachtet sie die Bilder, die in ihrem Gedächtnis aufsteigen. Was Armut, Gewalt und Scham anrichten können, wie Einsamkeit entsteht – und wie schwer es ist, sich davon zu befreien, erfährt man selten so eindrucksvoll wie in diesem Buch. Gleichzeitig liegt ein versöhnlicher Ton in dieser Erzählung, die mit den Worten endet: »Leben, denke ich manchmal, heißt Staunen.«