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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2018
Kennen wir uns?
Jesus, Marx und die Krise des Kapitalismus. Ein Streitgespräch
Der Inhalt:

KOLUMNE Von Fabian Vogt: Nix später!

Neulich habe ich mich mal wieder mit Otto getroffen. Otto ist siebzig, war mal – gefühlt in der Zeit der Bandkeramik – der Leiter meiner Jugendgruppe und hat mich sehr geprägt. Und nun haben wir uns nach vielen Jahren relativ spontan auf ein Glas Rotwein bei unserem damaligen Lieblings-Sarden zusammengesetzt. Toll.

Irgendwann habe ich ihn so nebenbei gefragt: »Was empfindest du denn als größten Wandel seit deiner Pensionierung?« Da wurde er kurz still und sagte schließlich: »Dieses Endzeit-Gefühl.« »Hä?«, hab ich auf gut Hessisch reagiert: »Endzeit-Gefühl?«

»Na ja«, hat er ein bisschen rumgedruckst, »ich denke jetzt öfter mal: Was kann ich in der mir verbleibenden Zeit eigentlich noch realisieren? Welche meiner Träume kann ich mir noch erfüllen – und welche muss ich definitiv begraben?« Er habe immer davon geträumt, einmal mit dem Fahrrad zum Nordkap zu fahren, erzählt er mir. »Ob ich das noch schaffe?« Er deutete auf seinen nicht mehr ganz so schlanken Bauch. »Ich war auch noch nie in Südafrika, obwohl ich viele Bücher darüber gelesen habe und das Land absolut faszinierend finde. Und ich wollte so gerne Portugiesisch lernen. Ich liebe den Klang dieser Sprache. Aber jetzt überlege ich: Lohnt sich das überhaupt noch?«

In meinem postjugendlichen Leichtsinn habe ich natürlich sofort Sprüche von mir gegeben wie: »Quatsch. Mit siebzig ist man doch heute noch jung. Pass lieber auf, dass du nicht im Kopf vorzeitig alterst … denn das passiert, wenn man sich … äh innerlich … vom Leben verabschiedet. Nordkap, das machst du ganz lässig. Du hast doch noch so viel Zeit.«

Da hob er sein Glas mit dem Rioja und prostete mir zu: »Das habe ich in deinem Alter auch immer gesagt. Zu meinen Eltern zum Beispiel. Und die haben am Ende nicht mal die Kreuzfahrt durch die Karibik gemacht, für die sie all die Jahrzehnte gespart haben. Immer kam was dazwischen … und am Ende haben sie ihren Traum so lange vor sich hergeschoben, bis es zu spät war.«

Er ließ den Wein in seinem Glas kreisen. »Ich sag dir nur eins: Wenn du eine Sehnsucht hast, dann erfülle sie dir jetzt. ›Später‹ ist möglicherweise das verführerischste und damit verhängnisvollste Wort der deutschen Sprache. ›Später‹? Nix später! Jetzt oder nie!«

Auf meinem Heimweg war ich ganz durcheinander. Aber natürlich konnte ich mir das Ganze gut erklären: Ot

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