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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 9/2016
Schwierige Schüler
Ausrasten, stören, treten: Ein Fall für die Sonderschule? Eine Lehrerin sagt Nein
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Ich war erst 18«

von Susanne Stiefel vom 13.05.2016
Tosin Johnson (27) floh vor Boko Haram aus Nigeria. In Deutschland fand sie Hilfe. Doch die Bilder aus der Heimat verfolgen sie

Seit die Polizei meine Freundin nachts in Bad Cannstatt aus dem Flüchtlingsheim abgeholt und abgeschoben hat, schlafe ich immer so: Ein Auge offen, nur eins ist zu. Ich bin aus Nigeria vor Boko Haram geflohen, ich kann nicht dahin zurück.

Die Bilder lassen mich nicht los. Überall Rauch, Flammen, alle liefen wild durcheinander. Nachbarn haben mich festgehalten, wollten mich hindern, dorthin zu gehen, wo die Flammen hochschlugen und wo am Morgen noch mein Elternhaus gestanden hatte, als ich in die Schule aufgebrochen war. Boko Haram hatte unser Dorf im Nordosten Nigerias überfallen, die Kirche und das Haus des Pastors angezündet, mein Elternhaus. Ich wollte schauen, ob sie sich vielleicht hatten retten können. Aber die Nachbarn hielten mich zurück. »Sie sind alle tot, Tosin«, sagten sie, »und sie suchen dich, die Tochter des Pastors. Schnell, du musst fliehen.« Ich verließ mein Dorf, ohne die Gewissheit zu haben, was aus meiner Familie geworden ist. Ich war erst 18 Jahre alt.

Immer wieder habe ich versucht zu erfahren, ob mein Bruder noch lebt, meine Mutter, mein Vater. Ob sie sich wohl ebenso Gedanken machten, was aus mir geworden ist? Meine Therapeutin sagt, ich muss das Geschehene akzeptieren. Sie sagt auch, ich muss über meine Flucht reden, damit die Ängste weggehen. Es sind zu viele Bilder, die immer wieder in meinen Kopf drängen. Meine Flucht dauerte viele Jahre, und ich hoffe, dass sie endlich zu Ende ist. Ich bin inzwischen 27 Jahre alt und habe einen zweijährigen Sohn, David. Ich habe Asyl beantragt.

Ich war ein fröhliches Mädchen, ich wuchs in einem behüteten Elternhaus auf. Mein Vater war Prediger, meine Eltern schickten mich auf die Schule, ich träumte davon, in Kanada zu arbeiten. Ich weiß nicht, wie ich auf Kanada kam, aber ich war immer ehrgeizig. Meine Eltern haben mich unterstützt. Ich ging noch zur Schule, als viele Mädchen den langen Weg längst scheuten aus Angst, von Boko Haram entführt zu werden.

Und dann kam der Tag, als mein Elternhaus brannte. Nur mit den Kleidern am Leib bin ich geflohen, in den Norden über die Grenze, nach Niger. Dort habe ich mich anderen Flüchtlingen angeschlossen. Doch als junge Frau, allein und noch dazu als Christin, hatte ich in der muslimischen Gesellschaft von Niger keine Chance. Die anderen Flüchtlinge erzählten, dass es in Libyen Arbeit gebe, und so beschloss ic

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