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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2017
Die zerrissene Gesellschaft
Was tun gegen den Rechtspopulismus?
Der Inhalt:

Der Traum von der Genügsamkeit

von Bettina Röder vom 28.04.2017
Wie die junge Lebensgemeinschaft Vitopia in Magdeburg ihn lebt – und andere damit ansteckt

Bei der Schlüsselübergabe vor sechs Jahren war ihr ziemlich mulmig, gesteht Gabriele Wende. Natürlich habe sie das keinem gesagt. Aber gedacht habe sie schon: »Die jungen Leute übernehmen sich hier.« Die 59-Jährige mit dem grauen Bubikopf und dem roten T-Shirt, die ein Tulpenbeet jätet, hat sich auf die Harke gestützt. »Und nun inzwischen das«, sagt sie und zeigt in die Runde. Inmitten des grünen Parks, dem wohl schönsten in der Elbestadt Magdeburg, stehen ein altes renoviertes Gärtnerhaus, das heute Wohnhaus ist, ein angrenzendes schmuckes Café mit Holzverkleidung, Schuppen, zwei bunte Bauwagen. Die Wiese ist abgetreten, denn vor wenigen Tagen erst fand ein Flohmarkt statt. Familien, aber auch Singles, die im Herrenkrugpark unterwegs waren, strömten herbei. Was andere aussortiert hatten, konnte man erstehen. Das grüne Tor war weit geöffnet für jedermann. Wie so manches Mal, wenn die junge Genossenschaft einlädt.

Gabriele Wendes 42-jährige Nichte Susanne Bürger und ihr Mann Joris Spindler haben sie mit Freunden gegründet. »Vitopia« steht bunt bemalt am Tor. Das steht für eine große Idee: Leben und Ort heißt das übersetzt. Doch dieser Ort ist inzwischen nicht nur für die Magdeburger ein Anlaufpunkt. Weit über Sachsen-Anhalt hinaus zieht das ökologische Wohn-und Kulturzentrum Menschen an, lässt sie über ihren Lebensstil, eine friedlichere Welt nachdenken und diskutieren.

Die Friedensarbeiterin Susanne Bürger ist Pfarrerstochter. In den 1980er-Jahren hat die Familie bei Torgau gelebt. Sie war nicht bei den Pionieren, schon gar nicht jugendgeweiht. Dann kam die Friedliche Revolution mit den Friedensgebeten. Da war sie 14 Jahre alt. Angst musste überwunden werden. Das hat sie geprägt. Blaue Augen schauen fest ihr Gegenüber an. Aufrecht steht sie im Hof. Eine, die so leicht nichts umhauen kann. Die studierte Psychologin berät Familien bei der AWO. Das kommt ihr hier zugute. Als Friedensbeauftragte ist sie nicht nur mit einem zweiten Standbein bei den Kirchen in Mitteldeutschland angestellt. Hier bei der Genossenschaft bietet sie mit anderen Kurse zum gewaltfreien Training an. Ihr Mann Joris Spindler ist auf den ersten Blick so etwas wie ein Kontrastprogramm zu ihr: im roten Cordjackett, schmal, mit schwarzen, nach hinten gebundenen Haaren. Er kam aus Düsseldorf zum Biologie-Studium nach Potsdam. 42 Jahre ist er alt, heute im Hauptberuf Planer für umweltgerechtes Stadtleben.

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