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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2010
Papstkirche am Abgrund
Ein Bischof sagt, was sich jetzt ändern muss
Der Inhalt:

Die Schockwelle

von Thomas Seiterich vom 23.04.2010
Kein Wort und keine Geste für die Missbrauchsopfer. Und keinerlei Zeichen von Veränderungen in der Kirche. In der tiefen Krise lässt Papst Benedikt viele Gläubige im Stich

Joseph Ratzinger hat vor seiner Wahl zum Papst vor fünf Jahren die Kirche mit einer Nussschale verglichen, einem kleinen Schifflein, das von den wilden Sturmeswogen des »Zeitgeistes« und des »Relativismus« hin und her geworfen wird. In solcher Seenot braucht es einen souveränen Kapitän. Mit ruhiger, starker Hand steuert der Kirchenführer den vom Untergang bedrohten Kahn der Gläubigen. Dies ist das Schlüsselbild für das Pontifikat Benedikts XVI. Ein Panorama voller Furcht und Ängste – und wohin dieser Angstkurs führt, ist derzeit täglich leidvoll zu erleben.

Seit Ostern zeigt sich, wie wenig die Fälle sexueller Gewalt durch Geistliche auf Deutschland, die Schweiz, Österreich, Irland und die USA beschränkt sind. Eine weltweite Schockwelle rollt gegen die Papstkirche an. Denn aus katholisch geprägten Staaten wie Brasilien, Mexiko, Italien werden jeweils Hunderte Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester gemeldet. Rund 300 Fälle in den Niederlanden. Niedrigere Zahlen meldet Frankreich. In Deutschland wird nun bekannt, dass es nicht bloß Täter gibt, sondern auch Täterinnen; Nonnen, die anvertraute Kinder nicht – wie weit verbreitet bis in die 1980er-Jahre – »nur« schlugen, sondern im Einzelfall auch sexuell quälten.

Das Schwierigste ist für die Kirche heute die Glaubwürdigkeit. Sie liegt am Boden, infolge der Schockwelle von übelsten Verbrechen gegen Schutzbefohlene. So schlecht angesehen wie gegenwärtig war die römische Kirchenleitung wohl zu keinem Zeitpunkt seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts und den Demütigungen Papst Pius’ VII. durch Napoleon Bonaparte.

Aktuelle Meinungsumfragen fallen für die Institution katholische Kirche verheerend aus: Weniger vertrauenswürdig derzeit als die seit der Bankenkrise 2008 verrufenen Privatbanken. Kein Wunder. Denn anders als in Familien, Sportclubs oder Internaten, wo es ebenfalls zu vielfachem sexuellem Missbrauch kam und leider kommt, wurden die pädophilen Priester nach Aufdeckung ihrer Taten häufig von ihren Bischöfen in nichts ahnende Gemeinden versetzt. Viele setzten dort den Missbrauch fort. Die weiße Weste der Institution Kirche galt alles, das Leiden der Kinder und Jugendlichen nichts. Das Vertrauen der Christen, insbesondere der Eltern, wurde so zerstört. Papst Benedikt XVI. versagt in der aktuellen Glaubwürdigkeitskrise. Der 83-Jährige ist zumindest den kommunikativen Anforderungen des Papstamtes in der Gegenwart der m

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