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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2010
Papstkirche am Abgrund
Ein Bischof sagt, was sich jetzt ändern muss
Der Inhalt:

Papstkirche am Abgrund

von Friedhelm Hengsbach vom 23.04.2010
Der Jesuit Friedhelm Hengsbach beschreibt die sechs Fesseln der Kirche und ihre Überwindung. Und Bischof Geoffrey Robinson deckt die Zusammenhänge zwischen Kirchenmacht und sexueller Gewalt auf. Beide plädieren für eine radikale Reform der Kirche

Die katholische Kirche in Deutschland wird derzeit durch die Vergehen von priesterlichen Amtsträgern weit heftiger durchgeschüttelt, als dies 1968 das päpstliche Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung oder 2006 das Diktat des Vatikans, aus der Schwangerschaftskonfliktberatung auszusteigen, je geschafft haben – meint Matthias Drobinski in der Süddeutschen Zeitung.

Dies mag auch daran liegen, dass Kirchenmitglieder zwar die überraschend hohe Sensibilität der Kirchenleitungen für die Opfer und die rigoros moralische Verurteilung der Täter schätzen. Gleichzeitig jedoch sind sie darüber verärgert, wie wenig der strukturelle Hintergrund individueller Übergriffe thematisiert wird – etwa die Verhärtung männlicher Macht in abgeschlossenen pädagogischen Milieus, gedeckelte und vagabundierende Sexualität, widerwillig hingenommene Kopplung von kirchenamtlicher Funktion und persönlicher Lebensform, systematischer Ausschluss von Frauen aus kirchlichen Positionen und die religiös verbrämte patriarchale Hierarchie.

Kardinal Lehmann hat in der FAZ vom Gründonnerstag zwar einen beachtenswerten, nüchternen und einfühlsamen Beitrag über die vermuteten Ursachen sexuellen Missbrauchs und gewalttätiger Übergriffe in kirchlichen Einrichtungen geschrieben. Lehmanns Vorschläge, welche Konsequenzen die Kirche in Deutschland daraus zu ziehen hätte, verharren jedoch in den Dimensionen einer dogmatischen Reflexion und spirituellen Umkehr. Strukturreformen nimmt er nicht in den Blick.

Dabei brodelt es in den katholischen Gemeinden. Christen nehmen jene skandalösen Vergehen zum Anlass, den Kirchenleitungen vorzuwerfen, dass sie viele Struktur-Reformvorschläge, die auf Bischofssynoden und auf der Würzburger Synode, auf Katholikentagen sowie auf Diözesansynoden von verantwortlichen Christen vorgetragen wurden, systematisch blockieren.

Die Club-Solidarität religiöser Eliten scheint mehr zu gelten als ihre Solidarität mit dem ihnen anvertrauten Volk der Gläubigen. Christen, die anachronistische Kirchenstrukturen zur Disposition stellen, empfinden sich bald als Fremde in kirchlichem Exil, auch wenn sie die Erwartung nicht aufgeben, dass die Kirche sich aus ihrer Gefangenschaft befreit. Sie bleiben Träumende, »die in Tränen säen und in Jubel ernten«. – Was hält die katholische Kirche in Deutschland gefangen?

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