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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 7/2012
Russisch Roulette im Labor
Die falschen Versprechungen der grünen Gentechnik
Der Inhalt:

Dichter, Denker und Druide

von Alexander Brüggemann vom 04.05.2012
Rowan Williams, Primas der Anglikaner, nennt sich selbst einen »skurrilen Pfarrer«. Jetzt hat er seinen Rückzug erklärt

»Die Konstitution eines Ochsen und die Haut eines Rhinozeros.« Das wünschte Rowan Williams seinem Nachfolger, als er kürzlich seinen Rückzug als Erzbischof von Canterbury und geistliches Oberhaupt der anglikanischen Staatskirche öffentlich machte. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe – obwohl schon seit Jahren über seinen vorzeitigen Amtsverzicht spekuliert worden war.

Williams geht dorthin, wo er sich an wohl so manchem Tag seiner zehnjährigen Amtszeit hingesehnt hat: in die akademische Lehre. Der 61-Jährige habe sich entschlossen, einem Ruf als »Master« des Magdalene College in Cambridge zu folgen. Das passt: Denn wenn der nach eigenem Bekunden »skurrile Pfarrer der Nation« auch nicht als ein ausgemachter Sünder bekannt war – ein Sündenbock und Prügelknabe seiner zerstrittenen Kirche war er als Primas allemal.

Von Haus aus ein waschechter Liberaler, musste Williams als Primas immer wieder die Brücke zwischen Traditionalisten und Kirchenreformern schlagen. Er muss gut zuhören können und das, obwohl er – nach einer Mittelohrentzündung – auf einem Ohr taub ist. »Seine Liberalen« fühlen sich dabei von ihrem einstigen Vordenker im Stich gelassen. Als der Waliser im Dezember 2002 nach Canterbury kam, war er ihnen ein Hoffnungsträger, ein mit 52 Jahren noch vergleichsweise junger Wilder: Barde, Dichter, Druide. Doch sein schweres Amt hat ihn wider Willen immer mehr Richtung rechts gedrückt: als Diener einer Kircheneinheit, die seine persönlichen Einstellungen auffrisst. Oft zwischen den Stühlen sitzend, flicht er emsig an dehnbaren Kompromissen, die die zerrissenen Fäden zwischen den beiden Lagern ersetzen könnten – zum Beispiel in der Frage, ob Frauen und Homosexuelle ins Bischofsamt dürfen.

Ein Hingucker ist der Poet mit dem weißen Rauschebart und den prächtigen Gewändern bei jedem seiner Auftritte. Er ist Mitglied im Gorsedd Beirdd Ynys Prydain, einer walisischen Bardenvereinigung neuzeitlicher Druiden, die sich zum Ziel gesetzt haben, keltische Traditionen wiederzubeleben. Acht Sprachen spricht er – und auch seine britische Rhetorik ist so geschliffen, dass selbst Landsleute seinen Gedankengängen nur schwer folgen können. Volkstümlichkeit und Populismus sind weniger seine Sache als der akademische Diskurs. Mit intellektueller Brillanz legt Williams soziale Wunden der Gesellschaft offen, spricht unb

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