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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2019
Wahrheit
Auf der Suche nach einem Ideal
Der Inhalt:

Das Kalifat rückt näher

von Klemens Ludwig vom 22.03.2019
Vom toleranten Vorbild zur Religionsdiktatur: In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten Land im muslimischen Kulturkreis, gewinnen Islamisten massiv an Einfluss

Ein solches Drama hatte sich Meiliana, wie sie in den Medien genannt wird, nicht vorgestellt. Vor zwei Jahren hatte sich die 44-jährige Buddhistin und ethnische Chinesin aus Medan auf Sumatra bei dem Imam einer Moschee in ihrer Nachbarschaft über die extreme Lautstärke des fünfmaligen Rufs zum Gebet beschwert. Die Buddhistin bat, die Dezibelzahl zu reduzieren. Die Leitung der Moschee machte die Beschwerde und Beschwerdeführerin öffentlich und löste damit militante Proteste radikaler Muslime aus, angefeuert durch haltlose Gerüchte: Die Frau habe dazu aufgefordert, den Gebetsruf einzustellen. Der Mob griff drei buddhistische Tempel an und brannte Meilianas Haus nieder. Doch damit nicht genug. Der Staatsanwalt erstattete Anzeige, und ein Gericht verurteilte die Buddhistin Ende August 2018 wegen »Blasphemie« zu anderthalb Jahren Haft.

Amnesty International sprach von einem »aberwitzigen Urteil«, und auch liberale Muslime äußerten Unverständnis. Das Urteil jedoch liegt im Trend der Entwicklung Indonesiens – des Staates, der in aller Welt lange als Vorbild für die Verbindung von Islam und Toleranz galt. Das war das Erbe der säkularen Staatsgründer Indonesiens um Präsident Achmed Sukarno und Ministerpräsident Mohammed Hatta. Sie erteilten allen Versuchen nach dem gewaltsamen Ende der niederländischen Kolonialzeit 1945, den Islam zum Maßstab des gesellschaftlichen Lebens zu machen, eine klare Absage. »Pancasila«, die »Fünf Prinzipien«, sollten stattdessen die religiöse und soziale Harmonie Indonesiens garantieren. Dabei handelt es sich um nationale Einheit, soziale Gerechtigkeit, Demokratie, Humanismus und den Glauben an einen Gott. Letzterer umfasst pragmatisch die großen Weltreligionen, auch wenn die Hindus auf Bali oder die etwa zwei Millionen im Land verstreuten Buddhisten gewiss nicht dem Monotheismus zuzuordnen sind.

Mit Demokratie und Humanismus war es 1965 vorbei, als General Suharto die linksnationale Sukarno-Regierung – mit Unterstützung der USA – beseitigte. Dem Putsch fielen bis zu einer Million Menschen zum Opfer, noch weit mehr wurden über Jahre in Lager eingesperrt. In einem Punkt jedoch blieb der aus dem Putsch als Staatschef hervorgegangene General Suharto der Verfassungstradition treu. Die Religionsfreiheit ließ er unangetastet. Radikalislamische Strömungen, die Mohammeds Lehre zum alleinigen Maßstab machen wollten, wurden von den regierenden Militärs

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