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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2012
Gesellige Einzelgänger
Pilgern: Sich selbst auf der Spur – und vielleicht auch Gott
Der Inhalt:

Gesellige Einzelgänger

von Hans-Joachim Höhn vom 04.05.2012
Wallfahrten und Pilgerreisen sind heute »in«. Wer sich auf den Weg macht, kommt sich selbst auf die Schliche – und vielleicht Gott auf die Spur. Nachdenken über ein sehr modernes Phänomen

Wer in einer Zeit, die sich dem Ideal der Mobilität und der Beschleunigung verschrieben hat, nicht vom Fortschritt abgehängt werden will, darf sich immer nur befristet eine feste Bleibe suchen. Der moderne Mensch ist nicht mehr im bloß übertragenen Sinne ein »homo viator«, ein »Reisender«. Ständig in Bewegung und unterwegs zu sein definiert längst durchgehend seine Existenz – beruflich wie privat. Eine Biografie wird buchstäblich zum Lebenslauf.Wer Karriere machen will, muss flexibel, dynamisch, wechsel- und umzugsbereit sein. Ortswechsel sind ebenso oft mit schmerzhaften Abbrüchen wie mit hoffnungsvollen Umbrüchen verbunden.

Besteht eine Schlüsselqualifikation des modernen Menschen im Umziehen- und Umsteigenkönnen? Dann ist jeder Aufenthalt nur ein Zwischenstopp. Ist somit in einer mobilen Welt die Sehnsucht nach »Ankommen« und »Beheimatung« unerfüllbar geworden? Oder kann sie gestillt werden durch »Zukünftiges«, auf das wir zugehen und das auf uns zukommt? Kommt es auf das Überschreiten der Gegenwart auf die Zukunft hin an, um das wiederzufinden, was das Leben in der Kindheit versprach, aber (noch) nicht einlöste: Leben in Einklang mit sich und der Welt?

Kann es sein, dass der Wunsch, dorthin zu gelangen, auch das existenzielle Motiv ist für ein religiöses Phänomen, das für geraume Zeit als überholt und gestrig galt, aber seit einigen Jahren eine ungeahnte Wiederkehr erlebt: Pilgern und Wallfahren? Geht man auf den Wegen der Religion jene »andere« Route, die zu dem Ziel führt, das man auf den Schnellstraßen der Moderne gerade nicht erreicht? Vieles spricht dafür, dass Pilgern eine Möglichkeit ist, auf den Um- und Abwegen der Moderne Erfahrungen der Sinn- und Selbstvergewisserung zu machen. Man kommt los von alten Gewohnheiten und Bindungen und kann gerade deswegen neu zu sich kommen. Grenzerfahrungen und -überschreitungen sind ebenso möglich wie Ganzheitserfahrungen. Physische, mentale und psychische Anstrengungen greifen ineinander. Der äußere Weg führt zugleich nach innen, und man gelangt dorthin, wo man noch nie war. Man kommt sich selbst auf die Schliche – und vielleicht Gott auf die Spur.

Inzwischen sind aber auch erste Anzeichen einer Kommerzialisierung und Trivialisierung des Pilgerns und Wallfahrens erkennbar. In den Medien häufen sich Reportagen und Doku-Soaps zum Thema. Pilgerfahrten zu den großen Stätten der Christenheit werden von Reisebüros als Pau

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