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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2020
Menschen statt Grenzen
Wie eine Feministische Außenpolitik die Welt verändern könnte
Der Inhalt:

Der Sänger der Schöpfung

von Thomas Seiterich vom 13.03.2020
Ernesto Cardenal war Befreiungstheologe und mystischer Dichter. Mit 95 Jahren ist er in seiner Heimat Nicaragua gestorben

Ernesto Cardenal, der nicaraguanische Revolutionär und Dichter, beschrieb sich mit drei Wörtern: »Sandinist, Marxist und Christ«. Der Mann mit der Baskenmütze, die nicht zufällig an seinen 1967 getöteten Altersgenossen Che Guevara erinnerte, war ein durch und durch frommer Mensch, politisch immer links und zugleich ein weitherziger Katholik. Sein Glaube überstieg die Grenzen der gebändigten Religion. Cardenals Begabung zum Zorn und zur Empörung gegen politische Ungerechtigkeit war groß und lodernd. Doch der silberbärtige Poet war auch erstaunlich geduldig, herzlich und treu. Ernesto Cardenal war mit Humor gesegnet – trotz allen Mitleidens mit den Qualen der Unterdrückten, egal wo auf der Erde.

Geboren wurde er 1925 als Sohn einer großbürgerlichen Familie in Nicaragua. Als junger Mann genoss er das Leben. Er leistete Widerstand gegen den Diktator Somoza und musste fliehen. Cardenal studierte lange, in Mexiko und den USA, und bereiste Europa. Der junge Cardenal verehrte Freundinnen, denen er Gedichte widmete. Als seine große Liebe sich jedoch für einen anderen Ehemann entschied, erfolgte ein Kurswechsel: Cardenal studierte Theologie. Er wurde ein Gottsucher und begann im Jahr 1957 in Kentucky seine Dichterkarriere als Zögling des Dichtermönchs Thomas Merton im Kloster Gethsemani der strengen Trappisten. 1966, ein halbes Jahr nach der Priesterweihe, gründete er die Basisgemeinde auf der Insel Solentiname.

Cardenal war ein Mann, der spontan feiern und genießen konnte. Das erlebten die Publik-Forum-Mitarbeiter, als sie eines Mittwochs Mitte der 1990er-Jahre, völlig unvorhergesehen den Dichter aus Zentralamerika im Gasthaus Zum Lahmen Esel trafen. Großes Hallo, große Überraschung, große Freude. Das Festessen zog sich bis in den Nachmittag hinein, die Redaktionsarbeit war an jenem Tag nicht mehr so wichtig. Denn Cardenal erzählte und erzählte.

Mit Publik-Forum war Cardenal auch später eng verbunden. Noch 2018, mit 93 Jahren, gab er uns vom Krankenbett aus ein letztes aufrüttelndes Interview über die verheerende Staatskrise in Nicaragua, für die er die Machtgier von Präsident Daniel Ortega verantwortlich machte. Der Verrat der revolutionären Ideale – Gerechtigkeit und Bildung für alle –, für die er einst gekämpft hatte, machte ihm schwer zu schaffen. Er kommentierte: »Die Helden und Märtyrer der sandinistischen Revol

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