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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2016
Gott suchen in Auschwitz?
Eine Begegnung mit Überlebenden
Der Inhalt:

Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben

Mit Sozialleistungen steht der britische Premier David Cameron auf Kriegsfuß – in Europa und im eigenen Land

Der Pub ist an diesem Freitagnachmittag nur halb gefüllt. Er liegt an der Fußgängerzone in einem der tristen Randbezirke Londons. Jeanette sitzt an einem kleinen Tisch und nippt an ihrer Tasse mit heißem Kakao. Sie verkauft Turnschuhe, in einem Geschäft gegenüber. Dafür bekommt sie den Mindestlohn: 6,70 Pfund pro Stunde, umgerechnet 8,50 Euro. Bei einer Vierzigstundenwoche wären das immerhin 268 Pfund. Die Verkäuferinnen in dem Geschäft für Sportkleidung arbeiten aber nur zwanzig Wochenstunden, manche weniger. Alle haben sogenannte Nullstunden-Verträge, was bedeutet, dass sie jeden Tag ihre Stelle verlieren können. Sie verdient rund 120 Pfund die Woche. »Aber solange meine Mutter mir hilft und ich die Sozialwohnung nicht verliere, komme ich schon klar«, sagt Jea nette. Sie würde gerne mehr arbeiten, aber das ist nicht einfach: Sie ist alleinerziehend, ihre Tochter zwei Jahre alt.

Obwohl sich Jeanette Mühe gibt, optimistisch zu klingen, ist sie ein Bilderbuchbeispiel für die katastrophalen Verhältnisse im englischen Niedriglohnsektor. Ihre Arbeitsstelle bietet ihr keine Aufstiegschancen und nicht die geringste Sicherheit. Kinderbetreuung ist für sie unbezahlbar. Zwei Drittel ihres Einkommens gibt sie für ihre Wohnungsmiete aus. Weil ihr Lohn nie und nimmer ausreichen würde, um ihre Tochter und sich selbst über Wasser zu halten, überweist ihr der Staat jede Woche gut hundert Pfund auf ihr Konto.

Trampolin oder Hängematte

Der britische Sozialstaat versprach einst, die Bedürftigen von der Wiege bis zur Bahre zu unterstützen, Elend und Armut zu vermeiden. Doch britische Regierungen werkeln seit Jahrzehnten an diesem einst so stolzen Gebäude herum. Der Umbau des Sozialstaat