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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2020
Mahlzeit!
Mikroplastik – die allgegenwärtige Gefahr
Der Inhalt:

Vom Protestsong zur Wohlfühlpoesie

von Andrea Teupke vom 28.02.2020
Sie werden umgedeutet, umgedichtet und manchmal auch missbraucht: In Kirchenliedern steckt mehr Politik, als man denktSie werden umgedeutet, umgedichtet und manchmal auch missbraucht: In Kirchenliedern steckt mehr Politik, als man denkt

Man hört Liedern ihre Geschichte nicht an. Wer heute mit rhythmischem Fingerschnipsen Gospelsongs anstimmt, weiß nicht unbedingt, dass diese frommen Lieder einst Sklaven dazu dienten, rebellische Botschaften weiterzuleiten. Wenn Jugendliche am letzten Abend einer Gruppenfahrt beim Lagerfeuer ihren Abschiedsschmerz ventilieren, indem sie das Gedicht »Von guten Mächten wunderbar geborgen« als sentimentale Ballade herunterleiern, denken sie vermutlich nicht daran, dass sie gerade das sehr private Zeugnis eines politischen Widerstandskämpfers kurz vor seiner Ermordung zweckentfremden. Und die wenigsten Sänger, die heute bei einem Festgottesdienst »Großer Gott, wir loben dich« schmettern, werden sich bewusst sein, welchen Herren dieser Choral schon gedient hat.

Wie viel Politik in Kirchenliedern steckt, wie sie immer wieder umgedeutet und umgenutzt werden, war Thema einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum. Unter der Überschrift »Macht und Ohnmacht – Kirchenlied und Politik« diskutierten Theologen und Kirchenmusikerinnen, Pfarrerinnen und Ehrenamtliche konfessionsübergreifend über Funktion, Absicht und Wirkung dieser Lieder gerade auch in politischen Auseinandersetzungen.

Wohl kaum ein Kirchenlied bietet dafür so viel Anschauungsmaterial wie das beliebte und ökumenisch fest etablierte Gesangbuchlied »Großer Gott, wir loben dich«. Seit fast 250 Jahren wird es mit deutschem Text gesungen. Die Melodie ist leicht singbar, der zünftige Dreivierteltakt lädt zum Mitschwingen ein. Doch schon die ursprüngliche Fassung, das lateinische Tedeum aus dem 4. Jahrhundert, hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich.

Deutsches Volk statt Gottesvolk

Deutsches Volk statt Gottesvolk

Der Hymnus »geriet nicht erst später in politisches Fahrwasser«, sagt Ansgar Franz, Professor für Liturgiewissenschaft in Mainz: Aus einem Gesang, mit dem Mönche den Anbruch des Sonntagmorgens priesen, wurde im Lauf der Jahrhunderte ein höfisches Herrscherlied; aus dem himmlischen Lobpreis der unaussprechlichen Herrlichkeit Gottes wurde ein Huldigungsgesang, der gerne nach Papstwahlen, Kaiserkrönungen oder militärischen Siegen angestimmt wurde. Georg Friedrich Händel vertonte das Tedeum nach dem Sieg des österreichisch-britischen Militärs über die französischen Truppen in der Schlach

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