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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2020
Mahlzeit!
Mikroplastik – die allgegenwärtige Gefahr
Der Inhalt:

Das Mädchen mit dem Tagebuch

von Anne Strotmann vom 28.02.2020
Vor 75 Jahren starb Anne Frank im KZ. Sie wurde zur Symbolgestalt der Shoah. Doch Erinnerungskultur hat ihre Tücken

Wahrscheinlich kokettierte Annelies Marie Frank, als sie am 20. Juni 1942 in ihr Tagebuch schrieb: »Ich denke, dass sich später keiner (…) für die Herzensergüsse eines 13-jährigen Schulmädchens interessieren wird.« Sie konnte jedoch nicht ahnen, dass ihre Aufzeichnungen einmal eine Gesamtauflage von weltweit mehr als dreißig Millionen erreichen, in achtzig Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt werden würden. Immer noch erinnern sich Menschen an Anne Frank. Doch das klingt einfacher, als es ist.

Anne Frank war 15 Jahre alt, als sie im Februar oder März 1945 im KZ Bergen-Belsen starb. Sie liegt in einem der anonymen Massengräber von Bergen-Belsen. Eine von Millionen Menschen, die von den deutschen Nationalsozialisten ermordet wurden. Annes Leben ist gut dokumentiert: Sie wird am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main geboren. Ihre jüdischen Eltern, Otto und Edith Frank, erziehen sie und ihre Schwester modern und liberal. Nachdem die NSDAP im März 1933 die hessischen Kommunalwahlen gewinnt, emigriert die Familie nach Amsterdam. Anne fühlt sich dort schnell zu Hause. Doch auch dort sind die Franks nicht lange sicher. 1940 fällt die deutsche Wehrmacht ein. Zwei Jahre später erhält Annes Schwester die Aufforderung, sich zur Arbeit in Nazi-Deutschland zu melden. Die Familie entschließt sich unterzutauchen. Im Hinterhaus seiner Firma an der Prinsengracht 263 (dem heutigen Anne-Frank-Haus, das als Museum eingerichtet ist) hat Annes Vater ein Versteck vorbereitet. Zwei Jahre überlebt Anne mit ihrer Familie und vier weiteren Personen in dem beengten Hinterhausversteck und schreibt dort Erlebnisse und Gedanken auf: flapsig, fröhlich, freimütig, bedrückend und reflektiert. Der letzte Tagebucheintrag ist auf den 1. August 1944 datiert, drei Tage vor der Verhaftung. Die Konzentrationslager überlebt einzig Otto Frank. Er wird das Tagebuch veröffentlichen. Bald kennt jeder ihr Gesicht. Sie wird zum Symbol der Shoah.

Unschuldiges Opfer, moralische Mahnerin, jugendliches Genie, pubertierender Teenager – die Etiketten sind vielfältig. In der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt stehen Filme nebeneinander, die Annes Leben jeweils etwas anders erzählen: Während bei den frühen Filmen eine universelle moralische Botschaft im Fokus stand, konzentrierten sich spätere eher auf den Teenager Anne; nichts bleibt intim. Der jüngste deutsche Film von 2016 hatte si

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