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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2019
Sie herrschen mit Gott
Wie es zu sexualisierter und spiritueller Gewalt in der Kirche kommt
Der Inhalt:

VORGESPRÄCH: Raus mit der Wahrheit?

von Andrea Teupke vom 22.02.2019
Die Fastenaktion der evangelischen Kirche fordert »Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen«. Geht das? Fragen an den Theologen Frank Muchlinsky, der die Aktion begleitet

Publik-Forum: Herr Muchlinsky, haben Sie heute schon geschwindelt?

Frank Muchlinsky: Da muss ich jetzt nachdenken … Nein, nicht dass ich mich erinnern könnte. Aber das sagt nichts. Ich glaube, meistens fällt es einem gar nicht auf, dass man schwindelt, weil das so selbstverständlich ist.

Die Fastenaktion der evangelischen Kirche fordert auf, nicht mehr zu lügen. Warum?

Muchlinsky: »Sieben Wochen ohne Lügen« ist ein schöner Titel, aber ganz ohne wird es nicht gehen, davon bin ich überzeugt. Es geht mehr darum, einmal bewusst darauf zu achten: Wann lüge ich eigentlich? Und warum? Und muss das sein? Es ist wie mit anderen liebgewordenen Dingen, auf die man in der Fastenzeit freiwillig verzichtet: Man fragt sich: Brauche ich das wirklich?

Ist das nicht ein riskantes Unterfangen, ständig die Wahrheit zu sagen? Ein Journalist hat mit einem Selbstversuch seine Ehe gefährdet und eine Freundschaft ruiniert …

Muchlinsky: Ja, zu viel Offenheit ist sicher nicht angesagt in unserer Gesellschaft.

Wo verläuft die Grenze zwischen Höflichkeit und Lügen? Soll ich meiner Kollgin sagen, dass ihr Kleid schrecklich aussieht?

Muchlinsky: (lacht) Ich glaube, das hängt von der Art der Beziehung ab. Wenn ich weiß, dass meine Kollegin so etwas als willkommenen Hinweis empfindet, kann ich ihr das sagen. Aber wenn nicht, lasse ich es einfach sein. Ich würde dann aber auch nicht sagen: Du siehst heute klasse aus.

Wenn ein entfernter Bekannter fragt, wie es mir geht – soll ich ehrlich antworten, was ich gerade für Probleme habe?

Muchlinsky: Sie müssen sich fragen, ob er das ernst meint. Wenn Sie das Gefühl haben, dass er sich wirklich für Sie interessiert, können Sie die Wahrheit sagen. Aber wenn er das nur als Floskel benutzt, sagen Sie halt: »Muss ja« oder »geht schon«.

Zur Wahrheit gehört auch, sich selbst nicht zu belügen, oder?

Muchlinsky: Ja, das ist ein ganz schwieriges Unterfangen. Wir lügen ja meist nicht aus Bösartigkeit, sondern um jemanden in Schutz zu nehmen. Und eben auch, um uns selbst zu schützen: Ich mache mir etwas vor

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