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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2019
Sie herrschen mit Gott
Wie es zu sexualisierter und spiritueller Gewalt in der Kirche kommt
Der Inhalt:

Mitgefühl wird zum Tabu

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 22.02.2019
Um Abschiebequoten zu erfüllen, wird ein werdender Vater aus dem Kreißsaal abgeführt, Mütter werden von ihren Kindern getrennt. Was ist nur mit diesem Land los?

Die Christdemokraten haben ihr neues Mantra gefunden: »So etwas wie 2015 darf nie wieder passieren.« Die CDU-Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer sagte es, der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) pochte darauf, Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) bekräftigte es.

Zur Erinnerung: Im Sommer 2015, als die Kanzlerin Hunderttausende geflüchtete Menschen einreisen ließ, wurde Angela Merkel in aller Welt gefeiert – und mit ihr dieses Land. Denn plötzlich war etwas in die große, düstere Weltpolitik eingekehrt, das dort so oft fehlt: Hoffnung. Solidarität. Menschlichkeit. Die Bilder von Tausenden Bürgerinnen und Bürgern, die an Bahnhöfen halfen, von Fremden, die sich in den Armen lagen, flimmerten über die Bildschirme dieser Erde. Und mit ihnen das freudige Staunen darüber, dass die Welt auch ganz anders sein kann. Das Wort Willkommenskultur ging sogar in den englischen Sprachschatz ein. Für einige Wochen war Deutschland das Land, das es sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bemüht zu sein: ein Land, das moralisch das Richtige tut. Eine Wertegemeinschaft.

Natürlich, die erste Euphorie wich bald darauf Ernüchterung. Flüchtlingshelfer fühlten sich von der Politik im Stich gelassen, andere fürchteten – teils berechtigt –, die Gesellschaft könne an der Aufgabe zerbrechen, Menschen mit ganz anderem kulturellem Hintergrund zu integrieren. Andere europäische Länder fühlten sich vom deutschen Alleingang brüskiert. Klar ist auch, dass ein Staat unkontrollierte Einwanderung nicht dauerhaft zum Leitbild machen sollte.

Und doch: Was meinen die Christdemokraten, wenn sie ihr »Nie wieder!« auf das Jahr 2015 beziehen? Dass sich Menschlichkeit nicht wiederholen darf? Mitgefühl? Es ist erbärmlich, wenn diese Werte zum No-Go erklärt werden – ausgerechnet von Politikern, die sich christlich nennen! Es ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die sich für Geflüchtete engagierten und sich zum Teil bis heute für sie einsetzen. Und ein Rezept, um auch aufrechte Demokraten politikverdrossen werden zu lassen. Das Motto der Flüchtlingspolitik, so lernte man im Nachgang des Werkstattgesprächs der CDU/ CSU, lautet nun: »Humanität und Härte«. Die geforderte Härte ist nicht zu übersehen, Humanität hingegen sucht man in vielen Fällen vergebens. Zum Beispiel im thüringischen Saalfeld, wo vor wenigen Monaten ein werdender Vater von der Polizei aus dem Kreißsaal geholt und z

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