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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2017
Wer ist Herr im Hirn?
Der Streit um den freien Willen
Der Inhalt:

Muss der Westen auf die Couch?

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 24.02.2017
Christian Kohlross, psychotherapeutischer Coach, hält die westlichen Gesellschaften für kollektiv neurotisch

Publik-Forum: Herr Kohlross, Sie attestieren den westlichen Gesellschaften eine kollektive Neurose. Übertreiben Sie da nicht etwas?

Christian Kohlross: Nein, dafür gibt es offensichtliche Anzeichen. Nicht nur Individuen, auch Gesellschaften leiden an Persönlichkeitsstörungen. Narzissmus, Depression, Zwang und Hysterie sind Symptome einer akuten Kollektivneurose, die die westliche Welt fest im Griff hat.

Wie ist es denn überhaupt möglich, dass Gesellschaften Persönlichkeitsstörungen haben?

Kohlross: Die Persönlichkeit von Kindern entwickelt sich, wenn sie lernen, mit ihren Wünschen umzugehen und diese in Einklang zu bringen mit den Wünschen anderer. Dabei entsteht Frustration. Die zu verarbeiten heißt, eine Persönlichkeit zu formen. Auch Gesellschaften sehen sich mit dem Problem konfrontiert, die Bedürfnisse des Einzelnen mit denen anderer Einzelner in Übereinstimmung zu bringen. So bilden Gesellschaften ebenfalls Persönlichkeiten heraus – die auch gestört sein können.

Woran lassen sich die Symptome für eine Neurose, die Sie aufgezählt haben, in Gesellschaften ablesen? Haben Sie da Beispiele?

Kohlross: Beginnen wir mit der Depression. Seit 1989 leben wir praktisch ohne Zukunftsvisionen. Utopien gibt es nicht mehr, was zählt, ist nur noch die Tagespolitik. Die angebliche Alternativlosigkeit deutet auf einen depressiven Zustand hin.

Und die Hysterie?

Kohlross: Eine Massenhysterie haben wir bei der Rinderseuche BSE erlebt und bei der Diskussion um das Waldsterben. Momentan ist die gesamte Gesellschaft hysterisch, wenn es um den Islam und die Terrorgefahr geht. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland Opfer eines Terroranschlags zu werden, so gering wie nie zuvor. Wovor die Menschen eigentlich Angst haben müssten, ist die Altersarmut oder die wachsende soziale Ungleichheit.

Und gesellschaftliche Symptome für Zwang?

Kohlross: Sogar demokratische Staaten üben drakonische Zwangsmaßnahmen aus. Nehmen Sie die Vereinigten Staaten von Amerika: Dort werden 2,2 Millionen Menschen weggesperrt – mehr als in China, wo 1,6 Millionen im Gefängnis sitzen. Die Zahl der Häftlinge in den USA ist in den letzten drei

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