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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 4/2017
Wer ist Herr im Hirn?
Der Streit um den freien Willen
Der Inhalt:

Auferstanden vor dem Tod

von Anne Strotmann vom 24.02.2017
Ein Nachruf auf den Schweizer Dichterpfarrer Kurt Marti

Ich komme nicht mehr zum Schreiben, ich muss nur noch Leute beerdigen!«, klagte der Berner Pfarrer Kurt Marti 1969. Und beschloss, beides miteinander zu verbinden, indem er den schmalen Gedichtband »Leichenreden« schrieb – um der Routine zu entkommen und liturgischen Sprachformeln wie: »Dem Herrn hat es gefallen …«. Martis Protest klang dann zum Beispiel so:

»dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen / dass gustav e. lips / durch einen verkehrsunfall starb / (....) / im namen dessen der tote erweckte / im namen des toten der auferstand: / wir protestieren gegen den tod gustav e. lips’«

Die »Leichenreden« sind immer wieder neu aufgelegt worden, Marti nannte den Gedichtband lächelnd seinen »Beststeller«. Dieser Klassiker der Schweizer Literatur ist nur eine von zahlreichen Veröffentlichungen, viele davon in Schweizer Mundart. Theologie und Poesie – das macht zusammen Theopoesie. Das Etikett »christlicher Dichter« wies Marti allerdings von sich. Er betrachtete alles, was er sagte und schrieb, als vorläufig, weil Sprache hinter der Wirklichkeit stets zurückbleibe. Dennoch ist Literatur, wenn sie gelingt, auch Epiphanie, in der das Gewöhnliche »plötzlich in einem Moment überwältigender Helligkeit transparent wird auf Ungewöhnliches, Ungewohntes hin«, stellte Marti fest.

Sich kein Bild von Gott zu machen, obwohl wir doch gar nicht anders als in Bildern denken können – das erfordert, alte Bilder zu zerschlagen und neue zuzulassen. Marti begrüßte den Aufbruch der feministischen Theologie: »Die männliche Gottesvorstellung genügte mir einfach nicht, weil ich entscheidende Erfahrungen und Einsichten Frauen verdanke.« So dichtete er etwa das Vaterunser um: »Unser Vater, der du bist die Mutter.«

Kurt Marti wurde am 31. Januar 1921 als Sohn eines Notars in Bern geboren und »mit Liebe aufgepäppelt«. Theologie studierte er, weil er sich Einblick in die großen Lebensrätsel versprach. Die Folgen des Krieges erlebte er in Paris in der ökumenischen Kriegsgefangenenseelsorge, der Kontakt zu den Menschen in der Industriegemeinde Niederlenz rückte ihn politisch nach links und motivierte ihn zur sozialkritischen Frage: »Gibt es ein Leben vor dem Tod?«

Marti war »überzeugter Schweizer«: Ein »Konglomerat kleiner Natiönchen« sei dem Menschen bekömmlicher, Neutralität klüger als Militärbündnisse.

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